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„Ermutigung zum Gebet“: Mittwoch, 1.4.20

Impuls: Nachdenkliches zu einem Einwand

Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an den Impuls vom 25.3., in dem ich Kuno Füssel mit der Bemerkung zitiert habe, im Mittelpunkt der politischen Theologie stehe die Gottesfrage und – mit Bezug auf Philipp Geitzhaus und Michael Ramminger – hinzugefügt habe: und „nicht die Gesellschaftskritik“. Dominic K. hat kritisch nachgefragt, ob diese Zuspitzung sinnvoll sei, da Zusammenhang von Theologie und Gesellschaftskritik konstitutiv sei.

Das hat mir noch einmal ‚zu denken‘ gegeben. Bisher kann ich das Problem, das ‚zu denken‘ gibt, von zwei Ecken her nur etwa so beschreiben. Auf die Formulierung von Kuno bin ich ‚abgefahren‘, weil ich ein Problem darin sehe, ‚Gott‘ im Blick auf Gesellschaftskritik zu funktionalisieren. Der Bezug auf die Inhalte, die mit dem Gottesnamen verbunden sind, drohen dann zu einer frommen Überhöhung dessen zu werden, was wir gesellschaftskritisch erkannt haben oder zu einer spirituellen Ressource, die Kraft gibt, dagegen zu halten. Auch bei letzterem würde Gott funktionalisiert, diesmal auf seine praktische Brauchbarkeit. Das wäre in der Art des Denkens nicht weit entfernt von Kant. Für ihn war Gott, der theoretisch nicht zu erkennen war, ein Postulat der ‚praktischen Vernunft‘. Er würde also gebraucht, weil moralisches Handeln sich sonst nicht lohnen würde, da es ohne Belohnung durch Gott bleibe. Gegen solchen ‚Gebrauch‘ von Gott käme es darauf an, Gott vor jedweder Art von Funktionalisierung zu schützen. Mein Eindruck ist, dass gerade das in der theologischen Reflexion von Metz zum Ausdruck kommt. Gott wird nicht mit Gesellschaftskritik ‚kurz geschlossen‘ und funktionalisiert, sondern kommt gerade darin gesellschaftskritisch zur Geltung, dass – auf der Linie der Theologie Rahners – das Mysterium seiner Unverfügbarkeit und Unbegreifbarkeit gewahrt bleibt. Wie sollte sonst von einer Solidarität die Rede sein können, die vor allem den Opfern und darin allen gilt, und die an der Auferweckung der Toten hängt?

Dennoch bleibt die Unverzichtbarkeit des Bezugs zur Gesellschaftskritik. Von Gott lässt sich nicht ohne Bezug zur Zeit reden. Seine Transzendenz ist nicht einfach ‚jenseits‘, sondern findet sich in der Geschichte, in der geschichtlichen Vermittlung von Transzendenz und Immanenz. Der Bezug auf die Welt bzw. die Geschichte ist nach Thomas von Aquin so konstitutiv, dass er deutlich macht, dass ein Irrtum hinsichtlich der Welt ein Irrtum hinsichtlich des Verständnisses Gottes nach sich ziehe. Oder biblisch mit den Worten des Propheten Jeremia – gesprochen über Joschija, einem der wenigen Könige, die als ‚gerecht‘ galten: „Den Schwachen und Armen verhalf er zum Recht. Das war gut. Heißt das nicht, mich zu erkennen? Spruch des HERRN“ (22,16). Wie sollte von Gott angesichts der Katastrophengeschichte gesprochen werden, wenn nicht vermittelt über die Erkenntnis von Unterdrückung und Befreiung im Zusammenhang einer von Fetischen geprägten Geschichte und damit vermittelt über Gesellschaftskritik?

Ihr seht die Diskussionen und das Nachdenken über Gott gehen auch in Zeiten der ‚Quarantäne‘ weiter – und natürlich auch das Nachdenken über Gesellschaftskritik. Dafür mag der Text stehen, den Roswitha Scholz und ich am letzten Wochenende zu „Corona und der Kollaps der Modernisierung“ ‚gebastelt‘ haben. Er hängt an. Wenn Ihr ihn schon bekommen habt, ignoriert den Anhang einfach.

Lesung: Dan 3,14-20.49-50.91-92.95

14 Nebukadnezzar sagte zu ihnen: Ist es wahr, Schadrach, Meschach und Abed-Nego: Meinen Göttern dient ihr nicht und das goldene Standbild, das ich errichtet habe, verehrt ihr nicht? 15 Nun, wenn ihr bereit seid, sobald ihr den Klang der Hörner, Pfeifen und Zithern, der Harfen, Lauten und Sackpfeifen und aller anderen Instrumente hört, sofort niederzufallen und das Standbild zu verehren, das ich habe machen lassen, ist es gut; verehrt ihr es aber nicht, dann werdet ihr noch zur selben Stunde in den glühenden Feuerofen geworfen. Wer ist der Gott, der euch retten könnte aus meiner Hand? 16 Schadrach, Meschach und Abed-Nego erwiderten dem König Nebukadnezzar: Wir haben es nicht nötig, dir darauf zu antworten: 17 Siehe, unser Gott, dem wir dienen, er kann uns retten. Aus dem glühenden Feuerofen und aus deiner Hand, König, wird er uns retten. 18 Und wenn nicht, so sei dir, König, kundgetan, dass wir deinen Göttern nicht dienen und das goldene Standbild, das du errichtet hast, nicht verehren. 19 Da wurde Nebukadnezzar wütend; sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn über Schadrach, Meschach und Abed-Nego. Er ließ den Ofen siebenmal stärker heizen, als man ihn gewöhnlich heizte. 20 Dann befahl er, einige der stärksten Männer aus seinem Heer sollten Schadrach, Meschach und Abed-Nego fesseln und in den glühenden Feuerofen werfen. 49 Aber der Engel des HERRN war zusammen mit Asarja und seinen Gefährten in den Ofen hinabgestiegen. Er trieb die Flammen des Feuers aus dem Ofen hinaus 50 und machte das Innere des Ofens so, als wehte ein taufrischer Wind. Das Feuer berührte sie gar nicht; es tat ihnen nichts zuleide und belästigte sie nicht. 91 Da erschrak der König Nebukadnezzar; er sprang auf und fragte seine Räte: Haben wir nicht drei Männer gefesselt ins Feuer geworfen? Sie gaben dem König zur Antwort: Gewiss, König! 92 Er erwiderte: Ich sehe aber vier Männer frei im Feuer umhergehen. Sie sind unversehrt und der vierte sieht aus wie ein Göttersohn. 95 Da rief Nebukadnezzar aus: Gepriesen sei der Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos. Denn er hat seinen Engel gesandt und seine Diener gerettet. Im Vertrauen auf ihn haben sie lieber den Befehl des Königs missachtet und ihr Leben dahingegeben, als dass sie irgendeinen anderen als ihren eigenen Gott verehrten und anbeteten.

Die Legende von den drei Männern im Feuerofen spielt in der Zeit des jüdischen Widerstands gegen die Herrschaft der Griechen, ca. 200 v. Chr. Israel war ökonomisch und politisch unterworfen. Aber auch religiös und kulturell sollte es sich der griechischen Herrschaft anpassen. Als Ausdruck dafür wurde im Tempel eine Statue von Zeus, dem höchsten griechischen Gott, aufgestellt. In unserer Geschichte steht „das goldene Standbild“ symbolisch für die griechische Herrschaft, der sich die Juden unterwerfen sollten. Die drei Männer stehen für den Widerstand und nehmen dafür den „Feuerofen“ in Kauf. Trotz tödlicher Bedrohung bleiben sie Israels Gott und der mit ihm verbundenen Hoffnung auf Rettung treu. Auf die Frage des Königs: „Wer ist der Gott, der euch retten könnte aus meiner Hand?“ (V. 15) antworten sie: „Wir haben es nicht nötig, dir darauf zu antworten: Siehe, unser Gott, dem wir dienen, kann uns retten. Aus dem Feuerofen und aus deiner Hand, König, wird er uns retten.“ Diese Hoffnung ist in Israels Geschichte lebendig. Der Widerstand bleibt aber auch richtig, wenn es keine Rettung gibt. Auch dann gilt die Weigerung, sich den Götzen als Ausdruck fetischisierter Verhältnisse zu unterwerfen. Die drei Männer lassen wissen: „Und wenn nicht, dann sei dir, König kundgetan, dass wir deinen Göttern nicht dienen und das goldene Standbild, das du errichtet hast, nicht verehren“ (V. 18).

Zwischengesang: Dan 3,53-56

53 Gepriesen bist du im Tempel deiner heiligen Herrlichkeit, hoch gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit. 54 Gepriesen bist du, der in die Tiefen schaut und auf Kerubim thront, gelobt und gerühmt in Ewigkeit. 55 Gepriesen bist du auf dem Thron deiner Herrschaft, hoch gerühmt und gefeiert in Ewigkeit. 56 Gepriesen bist du am Gewölbe des Himmels, gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.

Evangelium: Joh 8,31-42

31 Da sagte er zu den Juden, die zum Glauben an ihn gekommen waren: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger. 32 Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien. 33 Sie erwiderten ihm: Wir sind Nachkommen Abrahams und sind noch nie Sklaven gewesen. Wie kannst du sagen: Ihr werdet frei werden? 34 Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde. 35 Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; nur der Sohn bleibt für immer. 36 Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei. 37 Ich weiß, dass ihr Nachkommen Abrahams seid. Doch ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort in euch keine Aufnahme findet. 38 Ich sage, was ich beim Vater gesehen habe, und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt. 39 Sie antworteten ihm: Unser Vater ist Abraham. Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr Kinder Abrahams wärt, würdet ihr die Werke Abrahams tun. 40 Jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der euch die Wahrheit verkündet hat, die ich von Gott gehört habe. So hat Abraham nicht gehandelt. 41 Ihr vollbringt die Werke eures Vaters. Sie entgegneten ihm: Wir stammen nicht aus Unzucht, sondern wir haben nur den einen Vater: Gott. 42 Jesus sagte zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben; denn von Gott bin ich ausgegangen und gekommen. Ich bin nicht von mir aus gekommen, sondern er hat mich gesandt.

Der Text ist die Fortsetzung des gestrigen Evangeliums. Angesprochen sind nun die „Juden, die ihm glaubten“ (V. 31), wörtlich: die ihm geglaubt bzw. ihm Vertrauen geschenkt hatten. Es gibt also Menschen, die der messianischen Gemeinde angesichts des drohenden Ausschlusses aus der Synagoge den Rücken kehren. Wenn die AnhängerInnen Jesu den Schutz der Synagoge verloren, waren sie um so mehr den Verfolgungen durch die Römer ausgeliefert. Es wächst die Versuchung aus der Gemeinde ‚zu gehen‘. Für Johannes kommt es gerade in dieser Situation darauf an, bei Israels Gott, bei seinem Wort und Messias zu ‚bleiben‘. Wer ‚bleibt‘ wird die befreiende Wahrheit von Israels Gott und seinem Messias erkennen können.

Auf diese Zusage bricht ein Streit über die sog. Abrahamskindschaft aus. Diejenigen, die ‚gehen‘ wollen, behaupten: Solche befreiende Wahrheit brauchten sie nicht, da sie Kinder Abrahams und darum frei seien. Damit aber ignorieren bzw. bejahen sie die reale tödliche Herrschaft Roms. Das macht sie zu Sündern und „Sklaven der Sünde“ (V. 34). Ihre Verbindung mit der tödlichen Herrschaft Roms findet ihren Ausdruck darin, dass sie Jesus töten wollen. Genau darin aber zeigt sich, dass sie keine ‚Kinder Abrahams‘ sein können; denn: „So hat Abraham nicht gehandelt“ (V. 40). Damit nimmt Johannes Bezug auf die Geschichte von Abraham und Isaak, in der Abraham Isaak nicht getötet hat, weil er Israels Gott und nicht den Vorschriften eines Brauchs folgte, nach dem der Erstgeborene einer Gottheit geopfert werden sollte. In dieser Tradition sieht Johannes Jesus. Er steht dagegen auf, dass ‚im Namen des Gesetztes‘ getötet werden soll.