„Ermutigung zum Gebet“: Freitag, 3.4.20

Kölner Kardinal fordert die Auflösung des Lagers auf Lesbos

Warnung vor Massensterben bei Corona-Ausbreitung auf griechischen Inseln

Angesichts der Lage in den europäischen Flüchtlingslagern, insbesondere auf der griechischen Insel Lesbos, fordert der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Woelki, das sofortige Handeln der Europäer und notfalls auch einen deutschen Alleingang. ‚Lager wie das auf Lesbos müssen aufgelöst werden. Es müssen Orte gefunden werden, an denen die Menschen menschenwürdig leben können‘, sagte Woelki dem ‚Kölner Stadt-Anzeiger‘. Der Kardinal warnte angesichts der Bedrohung durch das Coronavirus vor einem Massensterben. ‚Es ist doch absehbar: Wenn die Menschen in den Lagern von dem Coronavirus betroffen werden, werden sie hinweggerafft, weil keine Schutzmaßnahmen vorhanden sind und keine Möglichkeit besteht, die entsprechenden Schutzmaßnahmen einzuhalten.‘

Die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln sind heillos überfüllt. So leben auf Lesbos 20.000 Menschen auf einem Gelände, das für 3.000 Menschen vorgesehen war. Helfer beklagen die unzureichenden hygienischen Verhältnisse. Erstmals wurde im Lager von Ritsona bei einer aus Afrika stammenden Frau eine Infektion mit dem Virus festgestellt.

Der Erzbischof erklärte, Europa trage eine große Verantwortung und dürfe sich ‚nicht durch unterlassene Hilfeleistung am Leid, vielleicht sogar am Tod so vieler Menschen mitschuldig machen‘. Die Zustände in den Flüchtlingslagern nannte Woelki ‚eine Schande für Europa‘. Er plädierte dafür, in einem ersten Schritt – wie von der EU bereits erwogen – ‚zumindest die Kinder und unbegleiteten Jugendlichen herauszuholen. Aber auch die anderen dürfen nicht vergessen werden. Die Europäer sollten zusammenstehen und zeigen, dass sie diese Menschen in Not nicht allein lassen.‘

Auch wenn Deutschland das Problem nicht allein lösen könne, solle es ‚mit gutem Beispiel vorangehen‘. Er habe den Eindruck, ‚dass unser Land leider manchmal dazu beiträgt, dass andere EU-Mitglieder wie Italien oder Spanien sich allein gelassen fühlen, weil sie auch aus Deutschland nicht genug Solidarität und Unterstützung erfahren‘, sagte der Kardinal. Deutschland müsse jetzt ‚selbst die Initiative ergreifen, das sehe ich auf jeden Fall so. Alles, was die Not lindern hilft, ist jetzt gefordert und geboten.‘“

Kölner Stadt-Anzeiger vom 1. April 2020

Gott um Gott bitten“ (J.B. Metz)?

„Dein Angesicht, Herr, will ich suchen; verbirg nicht dein Gesicht vor mir.“

Solche oder ähnliche Bitten finden sich immer wieder in biblischen Texten, vor allem in den Psalmen. Darin wird Gott darum gebeten, dass er sich als Gott des Beters erweise: Sei mein Gott!

Ein biblischer Beter/eine biblische Beterin weiß darum, dass ‚mein Gott‘ im biblischen Verständnis immer auch der Gott der anderen ist. Und so schließt die Bitte ‚Sei mein Gott!‘ die Bitte ein: ‚Sei auch ihnen Gott.‘ Dann soll der Gott, der vor mir nicht sein Angesicht verbergen soll, sein Angesicht auch nicht vor den anderen verbergen.

Lesung:

Jeremia hat sich Hass und Feindschaft zugezogen, weil er angesichts der drohenden Katastrophe des Untergangs Jerusalems die Umkehr von der Machtpolitik zu Gerechtigkeit und Frieden und damit zu den Wegen der Tora einklagte. In dieser Situation vertraut er darauf, dass sich Israels Gott als sein Gott erweise. Und der Gott, der Jeremia retten soll, ist kein anderer als der Gott, der „das Leben der Armen aus der Hand der Übeltäter rettet“ (V. 13). Deshalb hofft Jeremia auf Gottes „Vergeltung“ (V. 12). Ohne dass die Macht der Mächtigen gebrochen wird, kann es keine Befreiung geben.

Text: Jer 20,10-13

10 Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können. 11 Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach. 12 Aber der HERR der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut. [1] 13 Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.

Zwischengesang: Ps 18,2-7

2 Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke, 3 HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht. 4 Ich rufe: Der HERR sei hoch gelobt! und ich werde vor meinen Feinden gerettet. 5 Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich. 6 Mich umstrickten die Fesseln der Unterwelt, über mich fielen die Schlingen des Todes. 7 In meiner Not rief ich zum HERRN und schrie zu meinem Gott, er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an seine Ohren.

Evangelium: Joh 10,31-42

31 Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen. 32 Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen? 33 Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott. 34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter? 35 Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann, 36 dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott – weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn? 37 Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht! 38 Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt! Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin. 39 Wieder suchten sie ihn festzunehmen; er aber entzog sich ihrem Zugriff. 40 Dann ging Jesus wieder weg auf die andere Seite des Jordan, an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte; und dort blieb er. 41 Viele kamen zu ihm. Sie sagten: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, erwies sich als wahr. 42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.


Die Szene unseres Evangeliums spielt am Tempelweihfest (vgl. Joh 10,22ff). Dieses Fest erinnerte daran, dass Antiochus IV., ein hellenistischer Herrscher, 167 v. Chr. Jerusalem erobert hatte. Als Zeichen ökonomischer und politischer Unterwerfung hatte er eine Statue des Zeus errichten lassen. Der Tempel sollte zu einem Ort werden, an dem der hellenistische Herrschaftskult gefeiert wurde. Drei Jahre später führte der Aufstand der Makkabäer zur Befreiung Jerusalems. Der Tempel wurde neu geweiht und konnte wieder zu dem Ort werden, an dem Israels Gott in der Mitte seines Volkes wohnt.

Zur Zeit des Johannes ist der Tempel zerstört, Israel der Herrschaft Roms unterworfen. Johannes geht es in dem Abschnitt seines Evangeliums, der mit dem Tempelweihfest beginnt (10,22-11,54), darum, dass der Messias Israel neu sammelt, um es aufzurichten und zu erneuern. Er will die verlorenen Schafe Israels sammeln. Aber nicht alle wollen sich sammeln lassen (10,22-30), weil sie nicht darauf vertrauen können, dass Israels Gott in diesem Messias am Werk ist – und zwar so, dass Jesus sagt: „Ich und der Vater sind eins“ (10,30). Das ist der Anlass, zu den Steinen zu greifen (10,31).

Kirchlich sozialisierte werden die Einheit zwischen Vater und Sohn (nach griechisch ontologischem Denken) als Wesenseinheit zwischen Vater und Sohn verstehen. Das ist auch nicht falsch, wenn es von jüdisch-geschichtlichem Denken her korrigiert wird. Dann nämlich wird die Einheit des Vaters mit dem Messias als Einheit im Geschehen, im Handeln verstanden. Im Messias Jesus geschieht, was Inhalt des Gottesnamens ist. Genau das aber wird von führenden Juden, vor allem den Pharisäern, zur Zeit des Johannes als Gotteslästerung gewertet. In diesem religiösen Konflikt steckt zugleich ein politischer Konflikt: Israel Gott soll ausgerechnet mit einem Messias „eins“ (10,30) sein, der am Kreuz der Römer hingerichtet wurde. Dieser politische Konflikt wiederum ist eingebettet in einen unterschiedlichen Umgang mit der Macht Roms. Während die Pharisäer nach Möglichkeiten des Überlebens in Nischen römischer Herrschaft suchten, in denen auch die Tora lebendig bleiben konnte, sehen die Messianer keine Möglichkeiten zu Kompromissen mit der Macht Roms. Die Tora konnte in ihrem befreienden Anspruch nur gegen die Macht Roms zur Geltung kommen.

Jesus versucht den Konflikt mit einem Hinweis auf die Schrift zu beschwichtigen (10,34), genauer auf Psalm 82, in dem es heißt: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter, ihr alle seid Söhne des Höchsten.“ In Israel können Menschen, weil sie als Gottes Ebenbilder geschaffen sind und zum Bund Gottes mit den Menschen gehören ‚Söhne Gottes‘ genannt werden genau so wie Israel als Volk ‚Gottes Sohn‘ genannt werden kann. Dieser Hinweis kann die Gegner jedoch nicht überzeugen, weil der Anspruch des Messias, mit dem Vater „eins“ (10,30) zu sein, weit darüber hinaus geht. Seine Einheit mit dem Vater zeigt sich in den Werken des Messias. Sie sind für Johannes Zeichen dafür, dass Israels Gott in diesem Messias alles wirkt, was sein Name beinhaltet. In diesen Zeichen, der Heilung des Gelähmten (Joh 5) und des Blindgeborenen (Joh 9), in der Ernährung der Fünftausend (Joh 6)…, geht es darum, dass Israel wieder lebendig wird für das ‚ewige Leben‘, das nicht einfach ‚jenseitig‘ ist, sondern in einer neuen Zeit Wirklichkeit werden soll. Genau darauf können Jesu Gegner nicht nur nicht vertrauen. Dies erscheint ihnen als Bruch mit Israels Gott und Gefährdung Israels angesichts der Bedrohung durch die Zerstreuung und die römische Herrschaft.

Noch kann Jesus sich der Festnahme entziehen (10,39). Er geht nach Betanien, „auf die andere Seite des Jordan, an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte…“ (10,40). Dieser Ort ist nicht zufällig. ‚Jenseits des Jordans‘ sammelte sich Israel, um in das ‚gelobte Land‘ einzuziehen. Hier beginnt mit dem Zeugnis des Johannes für den Messias (1,19-34) Jesu Wirken; hier sammelte Jesus die ersten Jünger (1,35-51). Und so kommen dort auch jetzt „viele … zum Glauben an ihn“ (10,42). Von dort bricht er gegen den Rat der Jünger, die ihn vor der Gefahr der Steinigung warnen, „wieder nach Judäa“ (11,7) auf. Dort wird er das größte Zeichen wirken, die Auferweckung des Lazarus als Zeichen dafür, dass Israel aus dem Grab Roms auferstehen und neu aufgerichtet werden soll.