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„Ermutigung zum Gebet“: Donnerstag, 2.4.20

Impuls: Bürgerliches oder apokalyptisches Christentum?

 Das Christentum hat sich bei uns „nach Art einer bürgerlichen Heimatreligion“[1] eingerichtet. Auch in der ‚Corona-Krise‘ scheint die Kirche – von Initiativen für Obdachlose einschließlich der Öffnung des Kölner Priesterseminars für diesen Zweck abgesehen – in vielen Aussagen von der Sorge bestimmt, wie kirchliches Leben ohne sonntägliche Gottesdienste weitergehen könne. Der Bischof von Hildesheim müsste in einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger (30.3.2020) vom Interviewer (Joachim Frank) geradezu mit der Nase darauf gestoßen werden, dass sich die Frage nach Gott nicht in der Aufforderung „Sprecht mit Gott!“ erschöpfen kann. Nach dieser Aufforderung stellte der Journalist die Frage: „Muss die Frage nach Gott nicht viel grundsätzlicher gestellt werden: Wo ist Gott angesichts eines unsichtbaren Feinds, der sich über die ganze Welt ausbreitet und tötet?“ Und sie stellt sich noch schärfer, „weil sich die Spur des Leids und des Todes unauslöschlich durch die Jahrhunderte zieht“. Diese Frage stellt sich nicht erst seit Corona, sondern hätte dem Christentum aktuell durch das Leid unter die Haut gehen müssen, das mit der Zerstörungsdynamik des Kapitalismus verbunden ist. Dahinein trifft Corona und trifft darin alle kapitalistisch ‚Überflüssigen‘ zuerst.

Ein zur ‚Heimat- und Wellness-Religion‘ werdendes Christentum hat sich davon nicht irritieren lassen. Es bleibt auch erstarrt, wenn jetzt auch Deutschland eine Ahnung davon trifft, was sich an ‚normalem‘ Schrecken und Ausnahmezustand über den Globus ausgebreitet hat und nach der Corona-Krise umso heftiger ausbreiten wird. Angesichts der Katastrophengeschichte hatte Metz immer wieder an die bürgerlich verdrängte und entmythologisierte Tradition der Apokalyptik erinnert. In ihr artikulieren sich die Schreie nach Rettung angesichts katastrophischer Bedrohungen – jene Schreie, die in einem bürgerlich beruhigten Christentum mit seinen feierlich beschwichtigenden Überhöhungen der Welt, wie sie ist, unhörbar gemacht worden sind.

Die liturgischen Texte in dieser sog. Passionswoche erinnern an die Gefährdungen, denen Jesus ausgesetzt ist. Noch kann er sich entziehen. Deshalb sind nach einer alten Tradition die Kreuze ab letztem Sonntag, dem sog. Passionssonntag, verhüllt. In den Gefährdungen, denen er ausgesetzt ist, teilt er die Gefährdungen, denen Menschen in ihrem Erleiden der geschichtlichen Katastrophen ausgesetzt sind. Auf einen solchen Messias kann sich kein beruhigtes und beruhigendes Christentum gründen – es sei denn durch konsequente Existentialisierungen und Verinnerlichungen.

Dagegen wären Erfahrungen der Gefährdung stark zu machen wie jene, von denen Paulus spricht, wenn er im Zweiten Brief an die Korinther schreibt: „Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und doch nicht verlassen; wir werden niedergeschmettert und dennoch nicht vernichtet“ (2 Kor 4,8f). So etwas wie Trost kann es ernsthaft nur geben, wenn auch die Gefährdungen wahrgenommen werden. Zu erinnern wäre an den apokalyptischen Schrei, mit dem das Zweite Testament endet: „Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22,20) Während ein bürgerliches Christentum davon träumt, dass alles weitergehe – auch nach dem Tod – zielt der apokalyptische Schrei auf das Ende der Katastrophen und das Ende der Zeit. „Die Zeit wird mit ihrer Thematisierung der biblischen Gottesfrage nie an ein Ende kommen; das Ende ist immer schließlich – Gott selbst. Der biblische Gott bleibt auch im verheißenen ‚Reich Gottes‘ der Deus semper maior (d.h. der immer Größere); Gott in beglückender Nähe (visio beatifica) doch auch fern (im Geheimnis seines ewigen Daseins).“[2]

Lesung:

 Gott schließt seinen Bund mit Abraham. Dieser Stammvater Israels ist zugleich ein Stammvater der Menschheit. Nach der Anordnung der biblischen Bücher schließt Gott mit Abraham einen Bund noch bevor es zum Exodus und zum Bund mit Israel kommt. Vor diesem Hintergrund konkretisiert sich im Bund mit Israel Gottes Bund mit der Menschheit, und zwar eingebettet in eine konkrete Geschichte und all die Leiden, die damit verbunden sind. Mit dem Bund ist das Versprechen verbunden: „Für dich und deine Nachkommen nach dir werde ich Gott sein“ (V. 7). Dieses Bundesversprechen ist die ‚Grundlage‘ dafür, dass wir Gott vermissen und immer wieder neu „Gott um Gott“ bitten, also darum, er möge seinen Bund halten und sich uns und allen als rettender Gott erweisen.

Text: Gen 17,3-9

3 Abram fiel nieder auf sein Angesicht. Und Gott redete mit ihm und sprach: 4 Ich bin es. Siehe, das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern. 5 Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham, Vater der Menge, wird dein Name sein; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt. 6 Ich mache dich über alle Maßen fruchtbar und lasse dich zu Völkern werden; Könige werden von dir abstammen. 7 Ich richte meinen Bund auf zwischen mir und dir und mit deinen Nachkommen nach dir, Generation um Generation, einen ewigen Bund: Für dich und deine Nachkommen nach dir werde ich Gott sein. 8 Dir und deinen Nachkommen nach dir gebe ich das Land, in dem du als Fremder weilst, das ganze Land Kanaan zum ewigen Besitz und ich werde für sie Gott sein. 9 Und Gott sprach zu Abraham: Du aber sollst meinen Bund bewahren, du und deine Nachkommen nach dir, Generation um Generation.

Zwischengesang: Ps 105,4-9

4 Fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit! 5 Gedenkt der Wunder, die er getan hat, seiner Zeichen und der Beschlüsse seines Munds! 6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat. 7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide. 8 Auf ewig gedachte er seines Bundes, des Wortes, das er gebot für tausend Geschlechter, 9 des Bundes, den er mit Abraham geschlossen, seines Eides, den er Isaak geschworen hat.

Evangelium: Joh 8, 51-59

51 Amen, amen, ich sage euch: Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen. 52 Da sagten die Juden zu ihm: Jetzt wissen wir, dass du von einem Dämon besessen bist. Abraham und die Propheten sind gestorben, du aber sagst: Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht erleiden. 53 Bist du etwa größer als unser Vater Abraham? Er ist gestorben und die Propheten sind gestorben. Für wen gibst du dich aus? 54 Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst verherrliche, ist meine Herrlichkeit nichts. Mein Vater ist es, der mich verherrlicht, er, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott. 55 Doch ihr habt ihn nicht erkannt. Ich aber kenne ihn, und wenn ich sagen würde: Ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte an seinem Wort fest. 56 Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich. 57 Die Juden entgegneten: Du bist noch keine fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben? 58 Jesus erwiderte ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich. 59 Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel.

Der Streit um die sog. Abrahamskindschaft geht weiter. Wenn Jesus behauptet, wenn jemand an seinem Wort festhalte, werde er den Tod nicht schauen, muss er von einem Dämon besessen sein. Das Festhalten an seinem Wort ist nichts anderes als das Festhalten an dem Wort von Israels Gott, der in diesem Messias Fleisch geworden, d.h. hineingeboren ist in all das Leid der Geschichte. In dieser Geschichte will Israels Gott sich als Gott erweisen, als ein Gott, der solidarisch ist mit dem, was Menschen erleiden. Nach dem Zeugnis des Johannes ist er es auf zweifache Weise: zum einen im solidarisch kompromisslosen Widerstand gegen die tödliche Macht Roms und im Vertrauen darauf, dass die vernichtende Macht Roms nicht das ‚letzte Wort‘ hat, sondern Israels Gott sich ebenso wie für den gekreuzigten und auferweckten Messias als Gott aller Gekreuzigten erweisen werde. Auch Jesu Gegner behaupten: „Er ist unser Gott“ (V. 54). Aber sie wollen ihn ohne die Gefährdungen haben, die mit dem Bruch mit Rom verbunden sind. Und so insistieren sie wieder auf einer rein formalen Kindschaft Abrahams als Legitimation ihres Glaubens und fragen: „Bist du etwa größer als unser Vater Abraham? Er ist gestorben und die Propheten sind gestorben“ (V. 53). Dagegen behauptet Jesus: „Noch ehe Abraham ward, bin ich“ (V. 58). Gemeint ist: Bevor Abraham gezeugt und geboren wurde, war der „Ich bin da“, also der Name Gottes und alles, was er beinhaltet, schon da. Deshalb konnte er Abraham versprechen: „Für dich und deine Nachkommen nach dir werde ich Gott sein“ (Gen 17,7). Und dieser Gott ist in seinem Messias „Fleisch geworden“, weil er sich als Israels Gott und als Gott aller Nachkommen Abrahams in der Geschichte der Menschheit erweisen will – und das über den Weg einer tödlichen Konfrontation mit dem System, das so viele leiden lässt. Der Konflikt eskaliert. Die Gegner greifen zu Steinen. Aber noch kann sich Jesus entziehen. Sein Kreuz bleibt noch verhüllt.    

[1]     Johann Baptist Metz, Memoria passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft, Freiburg im Breisgau 2006, 144.

[2]     Johann Baptist Metz, Gott in Zeit. Von der apokalyptischen Wurzel des Christentums (2016), in: Ders., Gott in Zeit. Gesammelte Schriften Band 5, Freiburg im Breisgau 2017, 68-77, 74.