Startseite | Theologie | „Ermutigung zum Gebet“: Dienstag, 7.4.20

„Ermutigung zum Gebet“: Dienstag, 7.4.20

Gott im Gott bitten“ (J.B. Metz)?

Du langmütiger Gott“ (Ex 34,6) (Litanei vom barmherzigen Gott in der Corona-Epidemie)

Gott stellt sich dem Mose als langmütiger Gott vor: Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue.“ (Ex 34,6)

Die Rede von Gottes Langmut steht im Zusammenhang mit Israels Zug durch die Wüste in das verheißene Land. Auf diesem Weg kommt es immer wieder zu der Versuchung, das Leben unter der Herrschaft Ägyptens dem Weg der Befreiung vorzuziehen. Dies ist verbunden mit der Sorge, ob Gott denn tatsächlich sein Volk begleite. Aus dieser Sorge heraus wurde, während Mose auf dem Berg die Tafeln mit den sog. 10 Geboten empfing, ein ‚goldenes Kalb‘ gebaut. Die Vergegenständlichung des nicht darstellbaren Gottes Israels sollte Sicherheit schaffen. Dazu sollte er ‚konkret‘ werden. Was dabei herauskam, war ein Götzenbild, Ausdruck dafür, dass das Volk sich nach Sicherheit wie in Ägypten sehnte. Als Mose mit den Tafeln der Gebote vom Berg kam und das Kalb sah, zertrümmerte er die Tafeln als Zeichen dafür, dass ein Volk, das sich solch ein Bild baut, mit dem Gott der Befreiung und den Weisungen für die Wege der Befreiung, die auf den Tafeln standen‚ ‚nichts anfangen‘ kann. Als das Volk seine Verfehlung erkannt hatte, tritt Mose vor Gott für das Volk ein, damit Gott den Weg der Befreiung mit seinem Volk weiter gehen kann. Mose geht mit „zwei Tafeln aus Stein“ erneut auf den Berg, um die Weisungen der Befreiung von Gott neu zu empfangen. Gott erneuert den durch das Kalb gebrochenen Bund, und Mose „schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die zehn Worte“ (Ex 34,28).

Israels Gott erweist sich darin als ‚langmütiger‘ Gott, dass er nach Abwegen (genau das meint ja Sünde = in die Irre gehen) immer wieder neu an den Bund mit seinem Volk anknüpft, um mit ihm seine Verheißung wahr werden zu lassen. Die Erinnerung an Gottes Langmut wird in Israel zur Ermutigung, immer wieder neu, zu seinem Gott der Befreiung umzukehren und darauf zu vertrauen, dass er – trotz allem – seinem Volk sein Angesicht zuwendet.

In diesem Vertrauen betet Israel:

Gott, stelle uns wieder her! Lass dein Angesicht leuchten und wir sind gerettet.“ (Ps 80,4)

Oder Israel drückt sein Vertrauen auf Gott wie in Ps 103,6-10 aus:

Der Herr vollbringt Taten des Heils, Recht verschafft er allen Bedrängten.

Er hat Mose seine Wege kund getan, den Kindern Israels seine Werke.

Der Herr ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld.

Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach.

Er handelt an uns nicht nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Schuld.“

Corona als Strafe Gottes?

In einer Zusammenfassung eines Interviews mit dem Theologen Markus Striet heißt es im Pfarrbrief von St. Menas, Koblenz-Stolzenfels:

Corona als Strafe Gottes zu bezeichnen ist zynisch. Für welche Sünden schickt Gott die Plage? Im 21. Jahrhundert immer noch physische Übel und Naturkatastrophen als Strafe Gottes zu bezeichnen, zeugt nicht von intellektueller Anstrengung. Das sind Prozesse, die in der Evolution stattfinden und die haben ursächlich nichts mit dem Wirken Gottes zu tun. Gott ist nicht Ursache der Krise, sondern Helfer in der Not.“

Natürlich ist es zynisch, Corona als Strafe Gottes zu bezeichnen. Aber von großer „intellektueller Anstrengung“ zeugt auch solch undialektisch-aufgeklärtes Reden nicht (jedenfalls soweit es sich in besagten Thesen widerspiegelt). Wer hat denn die Evolution geschaffen? Wenn es Gott sein sollte, ist er mit dem Hinweis auf naturwissenschaftliche Abläufe nicht ‚aus dem Schneider‘ und die quälende Theodizee-Frage so einfach nicht zu entsorgen.

Von ebenso wenig „intellektueller Anstrengung“ zeugen unkritische Aussagen zum naturwissenschaftlichen Fortschritt:

Man sieht deutlich, dass der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt unser Leben verbessert hat, dass vieles, was früher als Schicksal galt, man jetzt nicht mehr akzeptieren muss: Krankheiten wurden besiegt.“ Zwar wird abstrakt zugestanden: „Man sieht doch die Begrenzung der Wissenschaft, sie kann auch nicht alles.“ Aber: was ist mit gesellschaftlichen Begrenzungen? Wissenschaft gibt es eben nicht abstrakt, sondern heute eingebettet in eine Gesellschaft, die unter dem Druck alternativloser (was ist das anderes als ‚schicksalhafter‘?) kapitalistischer Verhältnisse stehen, die Menschen in Arme und Reiche spaltet. Unter dem Druck kapitalistischer Krisenverhältnisse wurde das Gesundheitssystem Deregulierungen und Privatisierungen und damit den Gesetzen von Konkurrenz und Gewinn unterworfen. Von zerfallenden Staaten, von Flüchtlingslagern und deren Bezug zum ‚Segen‘ der Wissenschaft ganz zu schweigen…Die immense Erfolgsgeschichte in der Medizin“, von der in den Thesen gesprochen wird, ist an den meisten Menschen auf dem Globus vorbei gegangen.

Vor diesem Hintergrund wäre noch einmal auf den Satz zu sehen, mit dem der Hinweis auf Gottes Langmut schließt. Da heißt es: Gott „nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg, aber er spricht nicht einfach frei, er sucht die Schuld der Väter bei den Söhnen und Enkeln heim, bis zur dritten und vierten Generation“ (Ex 34,7). Damit ist Corona nicht zur Strafe Gottes erklärt. In dem Satz steckt aber die Erinnerung daran, dass sich – im Unterschied zu einem individualistischen Verständnis von Sünde und Schuld – Sünde in falschen Verhältnissen niederschlagen und ‚vererben‘ kann. Die Bibel spricht von Götzen, die an die Stelle der Wege der Befreiung treten. Marx spricht vom Fetischcharakter der kapitalistischen Verhältnisse, die – gleichsam schicksalhaft – dem Gesetz der Akkumulation von Kapital als Selbstzweck unterworfen sind. Scheinbar ist so manche Theologie so darin verstrickt, dass sie blind ist für die Widersprüchlichkeit dieser Verhältnisse.

In dieser Situation an Gottes Langmut zu erinnern, könnte ein Impuls sein, die Verhältnisse kritisch zu reflektieren und umzukehren. Darin könnte Gott sich als „Helfer“ erweisen. Andere werden Ungeduld mit Gottes Langmut entwickeln und vermissen, dass er sich als Helfer und Befreier erweist und fragen: Wann wirst du dich uns endlich als Retter und Befreier zeigen? Auf welchen Wegen kann das möglich werden? Gott macht es uns nicht einfach. Er gibt ‚zu denken‘ und ‚zu beten‘.

Lesung: Jes 49,1-6

Die heutige Lesung ist das zweite Lied vom Gottesknecht. Es schildert die Berufung des Knechts. Darin wird deutlich, dass er ähnlich wie Jeremia hineingeschickt wird in eine konfliktträchtige Situation. Er folgt der Spur des ersten Jesaja, der Israel vorgeworfen hatte in einem Königtum, das Israel spaltet und militärischen Abenteuern aussetzt, Gott zu verraten. Die Folgen dieser Sünde hat die Generation zu trägen, die nach Babylon verschleppt wurde. Es hilft nichts, der Weg zur Veränderung kann nur über Umkehr, kritische Reflexion, warum es zum Exil gekommen ist, sowie über den Widerstand gegen die Unterwerfung unter die Götter Babylons führen. Entsprechend wird der Gottesknecht ausgestattet mit einem „Mund wie ein scharfes Schwert“. Er wird „zu einem spitzen Pfeil“ in Gottes „Köcher“ (V. 2).

Dennoch fühlt sich der Knecht überfordert, seiner Aufgabe nicht gewachsen. Vergeblich hat er sich „bemüht“, seine Kraft „für Nichtiges und Windhauch vertan“ (V. 4). An den Grenzen seiner Kraft fasst er Vertrauen in Gottes Gerechtigkeit. Sie wird ihn aufrichten und wieder auf die Ziele ausrichten, die mit Gottes Gerechtigkeit verbunden sind: „die Stämme Jakobs aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen“ (V. 6). Damit aber noch nicht genug: Er soll „zum Licht der Nationen“ (V. 6) werden, damit auch die Völker in die Befreiung einbezogen werden, die zuerst Israel gilt.

1 Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt. 2 Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zu einem spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher. 3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will. 4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. Aber mein Recht liegt beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott. 5 Jetzt aber hat der HERR gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht geformt hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammelt werde. So wurde ich in den Augen des HERRN geehrt und mein Gott war meine Stärke. 6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

Zwischengesang: Ps 71,1-6.15-17

1 Bei dir, o HERR, habe ich mich geborgen, lass mich nicht zuschanden werden in Ewigkeit! 2 Reiß mich heraus und rette mich in deiner Gerechtigkeit! Neige dein Ohr mir zu und hilf mir! 3 Sei mir ein schützender Fels, zu dem ich allzeit kommen darf! Du hast geboten, mich zu retten, denn du bist mein Fels und meine Festung. 4 Mein Gott, rette mich aus der Hand des Frevlers, aus der Faust des Bedrückers und Schurken! 5 Denn du bist meine Hoffnung, Herr und GOTT, meine Zuversicht von Jugend auf. 6 Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt, aus dem Schoß meiner Mutter hast du mich entbunden, dir gilt mein Lobpreis allezeit. 15 Mein Mund soll von deiner Gerechtigkeit künden, den ganzen Tag von deinen rettenden Taten, denn ich kann sie nicht zählen. 16 Ich komme wegen der Machttaten GOTTES, des Herrn, an deine Gerechtigkeit allein will ich erinnern. 17 Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf und bis heute verkünde ich deine Wunder.

Evangelium: Joh 13,21-33.36-38

21 Nach diesen Worten wurde Jesus im Geiste erschüttert und bezeugte: Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern. 22 Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte. 23 Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte. 24 Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche. 25 Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es? 26 Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tue bald! 28 Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte. 29 Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen! oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben. 30 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht. 36 Simon Petrus fragte ihn: Herr, wohin gehst du? Jesus antwortete ihm: Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen. 37 Petrus sagte zu ihm: Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich hingeben. 38 Jesus entgegnete: Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, ich sage dir: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

Der Verrat führt in die „Nacht“ (V. 31). Es ist die Nacht, in der Rom den Messias und darin auch Israel tötet; denn Israel ist ohne Hoffnung auf Befreiung tot. Mit der „Nacht“ beginnt aber auch die Verherrlichung des Menschensohns und Gottes in ihm. Der Begriff ‚Verherrlichung‘ meint vom Hebräischen her das Schwergewicht, die Wucht Gottes. Vom Römischen her klingt die Verherrlichung des Kaisers im Kaiserkult mit. Gottes Schwergewicht und Wucht soll im gekreuzigten Menschensohn sichtbar werden. Zu ‚verherrlichen‘ ist nicht der Kaiser, sondern der gekreuzigte Menschensohn und in ihm Israels Gott.

Diesen Weg zur Verherrlichung muss der Messias allein gehen. Erst wenn er den Weg seines Lebens – gelebt in Solidarität mit den Opfern Roms und eins mit dem Vater – bis zum Ende, bis zur Übergabe seines Lebens an den Vater am Kreuz der Römer gegangen ist und der Vater gezeigt hat, dass er seinem Messias die Treue hält und darin mit ihm ‚eins‘ ist, kann deutlich werden, was die Grundlage auch des Weges der Jüngerinnen und Jünger ist. Diesen Weg können sie jetzt noch nicht gehen, weil sie zu seinem Ziel (noch) „nicht gelangen“ (V. 33) können – auch Petrus nicht, der sein Leben für den Messias hingeben will. Noch sind sie zu der Solidarität nicht fähig, die es ermöglicht den Weg des Messias zu gehen. Jesus folgen können sie erst, wenn sie an Ostern den Geist der Solidarität empfangen (20,22), den Jesus am Kreuz dem Vater übergeben hatte, als er sein Leben beendet und alles vollbracht hatte (19,30).