Startseite | Theologie | Das Verschwinden des Messias (Apg 1,9-11)

Das Verschwinden des Messias (Apg 1,9-11)

Apg 1,9-11

9 Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. 10 Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen 11 und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.

In der Geschichte von der sog. Himmelfahrt Jesu erzählt Lukas von der Trennung des Messias von seinen Jüngerinnen und Jüngern. Darin erzählt er ausführlicher von der Himmelfahrt, die er gegen Ende seines Evangeliums nur kurz erwähnt und dabei bemerkt, dass Jesus seine Jüngerinnen und Jünger „verließ“, als er „zum Himmel emporgehoben wurde“ (Lk 24,51). Die Erzählung des Lukas könnte von der Erzählung von der Himmelfahrt des Elija (2 Kön 2,1-18) inspiriert sein. Darin wird von der Entrückung des Propheten Elija in den Himmel erzählt. Auch hier liegt der Akzent darauf, dass Elija von seinem Jünger Elischa getrennt wird, ihm „weggenommen“ wird (VV. 9-10). Eine weitere Parallele zur Erzählung des Lukas wird darin deutlich, dass Elischa nach der Trennung von Elija der Geist des Elija geschenkt wird. Er gibt Elischa die Kraft, die Botschaft Elijas, seinen Kampf gegen die Götzen der Gewalt und Unterdrückung weiter zu tragen. Der Getrennte bleibt also nicht allein, sondern kann den Weg seines Meisters weiter gehen.

Die Trennung Jesu von seinen Jüngerinnen und Jüngern beginnt bereits im Evangelium des Lukas (9,51). Jesu Weg führt nun Richtung Jerusalem. Seine Erzählung davon leitet Lukas mit der Formulierung ein: „Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den Beschluss, nach Jerusalem zu gehen.“ Mit der gleichen Formulierung beginnt Lukas in der Apostelgeschichte die Erzählung von der Sendung des Geistes am Pfingstfest. Leiter wird dies in der Einheitsübersetzung nicht deutlich. Da heißt es einfach: „Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war…“ Genauer am griechischen Text wäre zu übersetzen: „Als sich die Tage der 50 erfüllt hatten…“ (Apg 2,1). Damit wird deutlich: Die Geschichte von der Wegnahme Jesu von seinen Jüngerinnen und Jüngern beginnt mit dem Weg nach Jerusalem, führt über Kreuz und Auferstehung und mündet ein in die Geschichte der Himmelfahrt und der Sendung des Geistes.

Hinweggenommen – die Einheitsübersetzung sagt „emporgehoben“ – wird also der Jesus, der seinen Weg nach Jerusalem, hin zu Kreuz und Auferweckung gegangen war. Danach war er „vierzig Tage hindurch erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen“ (Apg 1,4). Mit der Himmelfahrt ist er von seinen Jüngerinnen und Jüngern getrennt. Er hat sie verlassen. Und nun müssen sie allein, d.h. ohne seine leibhaftige Gegenwart zurecht kommen und seinen Weg weiter gehen „bis an die Grenzen der Erde“. Für diesen Weg wurde ihnen als Trost, als Quelle der Inspiration und Widerstandskraft der Heilige Geist versprochen (Apg 1,8).

Zunächst aber starren sie dem in den Himmel entschwundenen Jesus hinter her (Apg 1,9). Wie in der Geschichte vom leeren Grab tauchen „zwei Männer“ auf (Lk 24,4; Apg 1,10) ebenso wie in der Geschichte von der Verklärung (9,28-36). In letzter werden sie als Mose und Elija benannt (9,30). Sie „sprachen von seinem Ende, dass er in Jerusalem erfüllen sollte“ – wörtlich von seinem Exodus (Lk 9,31). Mose steht für den Weg der Befreiung aus Ägypten und die Tora, Elija für die Propheten als denjenigen, die immer neu zur Umkehr auf die Wege der Befreiung und der Tora gerufen haben. Beide verweisen auf Jesu Exodus, auf das, was sich da in Jerusalem erfüllen soll. Es steht ganz in den Traditionen der Schrift.

Bei der Himmelfahrt stehen die beiden Männer wieder da. Von der Tora und den Propheten her deuten sie das Geschehen und sprechen den Jüngerinnen und Jüngern Trost zu. Sie machen deutlich, dass die Wegnahme des Messias nicht endgültig ist. „Dieser Jesus … wird ebenso wiederkommen wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen“ (Apg 1,11). Es wird genau der Jesus sein, der den Weg nach Jerusalem genommen hatte, um dort seinen Exodus zu erfüllen. Mit der Hoffnung auf Jesu Wiederkunft dürfte an die Vision angeknüpft sein, die im Buch Daniel zu finden ist: „Da kam einer auf den Wolken des Himmels wie ein Menschensohn…“ (Dan 7,13). Er ist derjenige, der den Bestien, die die Gewaltherrschaft symbolisieren, unter der die Juden in ihrer Geschichte zu leiden hatten, entgegentritt und sie beendet. Auf die Erfüllung dieser Hoffnung läuft Jesu Exodus in Jerusalem hinaus.

An diese Hoffnung erinnert Lukas angesichts des zerstörten Jerusalem und des Tempels. Aber noch ist nichts erfüllt. Das Grab ist leer, aber der Messias hinweggenommen. Und dennoch war in ihm Israels große Hoffnung auf Befreiung aufgeleuchtet. Bevor sich „die Tage der 50 erfüllen werden“, also bevor es Pfingsten werden kann, müssen die von ihrem Messias Verlassenen zurück nach Jerusalem (Apg 1,12). Dort werden sie sich zehn Tage auf die Sendung vorbereiten, die mit der Gabe des Geistes verbunden sein wird, wenn die „Tage der 50 erfüllt sind“.