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„Ermutigung zum Gebet“: Mittwoch, 25.3.20 – Verkündigung des Herrn

Impuls: „Gott um Gott bitten“ (J.B. Metz)?

Gelegentlich meine ich, mich für die Fokussierung auf die Gottesfrage entschuldigen zu müssen. Was mich dabei umtreibt, fand ich in Kuno Füssels erweitertem Festvortrag zum 90. Geburtstag von Johann Baptist Metz ausgesprochen[1], in dem er deutlich macht: Im Mittelpunkt politischer Theologie stehe die Gottesfrage und „nicht“ – wie Philipp Geitzhaus und Michael Ramminger zuspitzen – „die Gesellschaftskritik“[2]. Damit ist die Gesellschaftskritik nicht als unwesentlich beiseite geschoben, wohl aber deutlich gemacht, dass sie im Fokus der Gottesfrage artikuliert wird. Die Unverzichtbarkeit der Gesellschaftskritik ergibt sich ja daraus, dass >Gott in Zeit< zu bedenken ist und das wiederum nicht idealistisch abstrakt, sondern im Horizont der Leidenszeit. Gerade da wird deutlich, dass es bei der Frage nach Gott um alles und um das Ganze – vielleicht sogar noch um „mehr als das Ganze“[3] geht. In unserer Zeit geht es um das ‚Ganze des Kapitalismus‘, der den Globus in die bekannten Katastrophen stürzt und ohne den auch die Corona-Krise in ihren tödlichen Verläufen nicht zu verstehen ist. Es geht um die Lebenden und zugleich um die Toten, weil sie sich alle vor Gott versammeln. „Gott um Gott bitten“ heißt dann um das Ende der Katastrophen und zugleich um das Ende der Zeit als Rettung für Lebende und Tote bitten und darin auch für uns, die wir auch einmal zu den Toten gehören werden.

Am Ende seines Festvortages wechselt Kuno Füssel „noch einmal die Diskursebene und“ wagt „ein Bekenntnis, welches der Einmaligkeit des heutigen Ereignisses geschuldet ist:

Lieber Baptist!

Ich habe von Dir gelernt, dass wir in allen intellektuellen Bedrängnissen und Erkenntnisnöten bei der Gottesfrage, bei allen Glaubenszweifeln und vermeintlichen Ausweglosigkeiten wegen der Unbeantwortbarkeit der Theodizeefrage, den Mut haben sollten zu diesem auch so fernen und unbegreiflichen Gott zu beten. Dafür danke ich Dir, meinem Lehrer und Freund mit Verstand, Herz und Gemüt.“[4]

Ganz nah ist dein Wort?

Der ferne und unbegreifliche, nicht darstellbare Gott ist nach dem Deuteronomium seinem Volk nahe in seinem Wort, gemeint ist das Wort der Tora als Weisung auf dem Weg der Befreiung. Von diesem Wort heißt es: „Das ist kein leeres Wort, das ohne Bedeutung für euch wäre, sondern es ist euer Leben“ (Dtn 32,47). Es ist nahe gekommen, ‚Fleisch geworden‘ im Messias Jesus. Genau das gibt der heutige Festtag ‚zu bedenken‘; es ist uns nahe gekommen im gefolterten Fleisch des Messias. In ihm hat es sich mit den Geschundenen in der Geschichte verbunden und will gerade für sie zum Leben werden.

Erste Lesung: Jes 7,10-14

Die Geburt eines Kindes ist beim Propheten Jesaja Ausdruck dafür, dass der Kreislauf von Unrecht und Gewalt durchbrochen werden kann. Im 8. Jahrhundert vor Christus ist das Nordreich Israel assyrischer Herrschaft unterworfen. Um sich von den drückenden Tributzahlungen zu befreien, werden Kriegspläne gegen Assyrien geschmiedet. Ahas, der König des Südreichs Juda, schwankt, ob er sich daran beteiligen soll.

Den Kriegsplänen tritt Jesaja entgegen. Er sieht im Kampf gegen die Großmacht Assyrien eine gefährliche Illusion. Er warnt davor, Israel nach der Logik von Großmächten zu regieren. Darin sieht er den Bruch mit Israels Berufung, als von Gott befreites Volk zu leben.

Weil Ahas unsicher ist, was er tun soll, fordert Jesaja ihn auf, von Gott ein Zeichen zu erbitten. Scheinheilig lehnt der König ab. Dennoch konfrontiert ihn Jesaja mit der Weissagung der Geburt eines Sohnes, der den Namen Immanuel, d.h. Gott geht mit uns, erhalten soll. Gegen die Versuchungen, sich in Bündnisse mit politischen Machthabern und durch Kriege zu befreien, wird er für Gottes Wege der Befreiung einstehen. Ihre Grundlage ist eine Gerechtigkeit, die allen den Zugang zu dem ermöglicht, was sie zum Leben brauchen. Wer stattdessen nach Befreiung an der Seite der Mächtigen sucht, wird Opfer der Macht Assyriens werden.

10 Der HERR sprach weiter zu Ahas und sagte: 11 Erbitte dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, tief zur Unterwelt oder hoch nach oben hin! 12 Ahas antwortete: Ich werde um nichts bitten und den HERRN nicht versuchen. 13 Da sagte er: Hört doch, Haus Davids! Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet? 14 Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.

 Zwischengesang: Ps 40,7-8a.8b-9.10.11

7 An Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen, doch Ohren hast du mir gegraben, Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert. 8 Da habe ich gesagt: Siehe, ich komme. In der Buchrolle steht es über mich geschrieben. 9 Deinen Willen zu tun, mein Gott, war mein Gefallen und deine Weisung ist in meinem Innern. 10 Gerechtigkeit habe ich in großer Versammlung verkündet, meine Lippen verschließe ich nicht; HERR, du weißt es. 11 Deine Gerechtigkeit habe ich nicht in meinem Herzen verborgen. Ich habe gesprochen von deinem Heil und deiner Treue, nicht verschwiegen deine Huld und deine Treue vor großer Versammlung.

Zweite Lesung: Hebr 10,4-10

Der Text aus dem Brief an die Hebräer greift den zentralen Gedanken des Ersten Testaments auf, dass es darauf ankomme den Willen Gottes zu erfüllen. Nach der Tora heißt den Willen Gottes zu tun, orientiert an der Tora, Wege der Befreiung zu gehen. Dass es darauf ankomme – statt in Opferritualismen zu flüchten – haben die Propheten angesichts von Unrecht und Gewalt immer wieder deutlich gemacht. Der Hebräerbrief weist darauf hin, dass „wir durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi ein für allem mal geheiligt“ (10,10) werden. „Opfergabe“ ist hier im analogen Sinn gemeint. Was das klassische Opfer an Heiligung bewirken sollte, bewirken das Leben, der Tod und die Auferstehung Jesu, das Wort, das in Jesus „Fleisch geworden“ ist und „unter uns gewohnt“ hat.

 4 denn das Blut von Stieren und Böcken kann unmöglich Sünden wegnehmen. 5 Darum spricht er bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir bereitet; 6 an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. 7 Da sagte ich: Siehe, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle – , um deinen Willen, Gott, zu tun. 8 Zunächst sagt er: Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer forderst du nicht, du hast daran kein Gefallen, obgleich sie doch nach dem Gesetz dargebracht werden; 9 dann aber hat er gesagt: Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun. Er hebt das Erste auf, um das Zweite in Kraft zu setzen. 10 Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi geheiligt – ein für alle Mal.

 Evangelium: Lk 1,26-38

26 Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret 27 zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. 28 Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. 29 Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. 30 Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. 31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. 32 Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. 33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben. 34 Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? 35 Der Engel antwortete ihr: Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. 36 Siehe, auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar gilt, ist sie schon im sechsten Monat. 37 Denn für Gott ist nichts unmöglich. 38 Da sagte Maria: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

Die ‚Jungfrau’ – ein Symbol der Befreiung

Jeremia bringt im Bild der ‚Jungfrau’, all das Leid zum Ausdruck, was Israel im Zusammenhang des ‚staatlichen’ Zusammenbruchs und dem darauf folgenden Exil erfahren hat (Jer 14,17-22). Die Jungfrau ist das Volk Israel, Gottes Tochter. Mit der geschichtlichen Katastrophe erleidet sie „eine unheilbare Wunde“ (Jer 14,17).

Zur Zeit Jesu stellen die Römer ihre Macht über Israel im Bild einer gefangenen und von einem Soldaten gedemütigten Jungfrau dar. In den Geschichten um Jesu Geburt steht Maria für die ‚unheilbare Wunde’ des Volkes, von der Jeremia spricht. Es erleidet sie jetzt durch die Herrschaft Roms. Lukas sieht Maria nicht als ‚demütige Magd’, sondern als erniedrigte Sklavin. Gott hat auf die Erniedrigung seiner Sklavin gesehen, so müssten wir die entsprechende Stelle des ‚Magnificat’ richtiger übersetzten (Lk 1,48). Und ähnlich den Schluss der Verkündigungsszene: Ich bin die ‚Sklavin’ des Herrn (Lk 1,38). Maria steht nicht im Dienst Roms. Mit ihrem Ja-Wort hat sie sich in den Dienst von Gottes Befreiungsgeschichte stellen lassen. Das Ja zum Gott der Befreiung als ihrem ‚Herrn’ macht ihr Nein zu den Herren der Welt stark und lässt sie das Lied der Befreiung singen (Lk 1,46-55).

Bei dieser Jungfrau geht es nicht um die biologische Frage ihres Jungfernhäutchens, sondern um ‚Wirtschaft und Politik’: um das Schicksal Israels in der Zeit Jesu, die Verarmung des Volkes und die Repression des römischen Imperiums. Die Jungfrau ist in dieser Zeit das Bild des von Rom versklavten Israel in all seinen sozialen, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Dimensionen.

Diese Jungfrau aber ist zugleich ‚in Hoffnung’. In ihr wächst neues Leben – ein Leben, das in den Traditionen Israels und seinen Verheißungen verwurzelt ist, aber nicht daraus abgeleitet werden kann. Nicht ein neuer König, sondern Gott selbst wird als Retter und Befreier erwartet (Jes 35,6).

Das gibt der alten Verheißung an David und sein Königtum einen neuen Inhalt. Sie wird umgebogen – wie Lukas spätestens im Lobgesang der Jungfrau, dem Magnificat, und vor allem in der sog. Weihnachtsgeschichte zeigen wird:

  • Der Messias wird zwar in der Davidstadt geboren, aber im Stall.
  • Sein Platz ist die Krippe. Sie steht für das Kreuz: für das Kreuz der Römer, das denen blüht, die die Mächtigen von ihren Thronen stürzen wollen. „Am Anfang der Stall, am Ende der Galgen“, hat Ernst Bloch formuliert.
  • Aber nicht einmal der Galgen ist das ‚letzte Wort’: Gott wird das erniedrigte Königskind aus dem Hause Davids aufrichten. So steht es für Gottes Herrschaft. Sie soll gegen alle Weltordnungen und ihre Repräsentanten das ‚letzte Wort’ behalten. Deshalb erhält das Kind schon bei der Geburt die Titel, die Augustus für sich beansprucht: ‚Herr’ und ‚Retter’; denn dieses im Stall, in der Krippe und am Kreuz erniedrigte Königskind ist der Messias, der Gesalbte Gottes. Sein Leben steht für den Glauben an einen Gott, der die Mächtigen vom Thron stürzt und die Erniedrigten erhöht. In ihm und seinem Schicksal wird Gottes neue Welt lebendig, in der die Armen und Unterdrückten endlich zu ihrem Recht kommen. Sie beginnt mit der Geburt des Messias und wird – wenigstens im Fragment – Wirklichkeit in denen, die den Weg des Messias gehen.

Genau dafür steht das Bild der Jungfrau. Sie repräsentiert die Erniedrigung und das Ende der Erniedrigung. Gott hat ihre Erniedrigung angesehen. Damit ist der Anfang vom Ende gemacht.

Gott selbst kommt, um die Erniedrigten zu retten. Das Mysterium Gottes verbindet sich weder mit den Kronen der Mächtigen noch mit der abstrakten Herrschaft unmenschlicher Systeme. Es wohnt nicht in den Palästen der Mächtigen, nicht in Konzernzentralen und Banken, und auch nicht in Regierungszentren. Seine Wohnung findet es in der erniedrigten Jungfrau. Aus ihrem Schoß geboren kommt in dem Messias Jesus Gott selbst in die Geschichte.

Gott selbst wird kommen. Mit nicht weniger an Befreiung sollen wir uns zufrieden geben. Er kommt in die Geschichte und bleibt mit Israels Geschichte, mit der erniedrigten Jungfrau, verbunden. Und dennoch setzt er einen neuen Anfang, der nicht aus der alten Geschichte abgeleitet werden kann. Gott selbst – so das Bild der Jungfrau – setzt den neuen Anfang, und zwar ohne die Zeugungsgewalt eines der ‚großen Männer’, die aus der Geschichte kommen und sie als Patriarchen oder auch als System eines warenproduzierenden Patriarchats beherrschen.

Diesem neuen Anfang können Menschen sich öffnen, indem sie Wege der Befreiung gehen. Als ‚jungfräuliches’ Mysterium des Gottes, der kommt, bleibt Gott der instrumentellen Verfügungsgewalt des bürgerlichen ‚Selbst’ entzogen, einem ‚Selbst’, das sich in der Selbstbehauptung in der Konkurrenz sein eigenes Grab schaufelt und im ‚Krieg aller gegen alle’ sich ‚selbst’ und den Globus in den Untergang treibt.

In der Sensibilität für die Unverfügbarkeit des Mysteriums Gottes könnte eine rettende Kraft gegen eine instrumentelle Vernunft liegen, die mit der höchsten Präzision und Effektivität ihrer Instrumente, den Ast absägt, auf dem sie ‚selbst’ sitzt und keine Vernunft mehr kennt, die dies reflektierbar und erkennbar macht. Maria sagt ‚Ja’ zum unverfügbaren Mysterium des Gottes der Befreiung und ‚Nein’ zur Herrschaft über Menschen, die über Leben und Tod verfügt. Ihr Ja, das zugleich die Kehrseite ihres ‚Neins’ ist, öffnet Türen aus dem Gefängnis eines abstrakt und mitleidlos funktionierenden Systems der Verwertung des Kapitals, dessen irrationalem Selbstzweck Menschen geopfert werden.

 

[1]     Kuno Füssel, Gott in Zeit. Die Gottesfrage als Grundfrage der politischen Theologie, in: Philipp Geitzhaus und Michael Ramminger (Hg.), Gott in Zeit. Zur Kritik der postpolitischen Theologie, Münster 2018, 179-210.

[2]     Philipp Geitzhaus und Michael Ramminger, Vorwort. Politische Theologie, in:  Philipp Geitzhaus und Michael Ramminger (Hg.), Gott in Zeit. Zur Kritik der postpolitischen Theologie, Münster 2018, 7-16, 13.

[3]     Tiemo Rainer Peters, Mehr als das Ganze. Nachdenken über Gott an den Grenzen der Moderne, Ostfildern 2008.

[4]     Füssel, Gott in Zeit, 208.