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„Ermutigung zum Gebet“ (J.B. Metz) … und ein Vorschlag

Liebe Freundinnen und Freunde des Ökumenischen Netzes,

wir sind es zwar gewohnt, von den Krisen und der Krise zu reden, mit Corona ist aber etwas eingetreten, das auch unsere ‚gewohnten Gänge‘ unterbricht. Statt in einer schwierigen Situation zusammenzurücken, bleibt jeder/jede für sich – konfrontiert mit Ängsten vor Ansteckung, mit dem, was Corona gerade für Ältere und Kranke bedeuten kann, und vor allem mit den Bildern der vielen Toten in Italien. Darunter mischen sich Bilder von Menschen, die ihre Unterhaltungs- und Eventprogramme zunächst weitergemacht haben wie bisher. In aller Unsicherheit scheint es richtig und sinnvoll zu sein, Sozialkontakte auf das Nötigste zu reduzieren – nicht nur als ‚Eigenschutz‘, sondern um die Gefährdeten im Blick auf Ausbreitung des Virus und die Sicherung von Behandlungsmöglichkeiten zu schützen.

Dabei sind wir dann auch ‚auf uns selbst‘ zurückgeworfen. Individualisierung wird vollends zur Zwangsindividualisierung. In dieser Situation sind wir auch mit mehr als problematischen religiösen Deutungen und Haltungen konfrontiert. Die einen sehen die Stunde gekommen, die Krise als Krise des Unglaubens zu interpretieren und mit religiös-magischen Mitteln dagegen anzukämpfen. Esoteriker wittern Chancen, in der erzwungenen Vereinzelung sich selbst und den Sinn des Lebens neu zu entdecken.

In all dem Wust sind wir wieder auf die „Ermutigung zum Gebet“ von Johann Baptist Metz gestoßen. Sie möchten wir aufgreifen, um ein paar Gedanken und Vorschläge weiterzugeben:

Beten ist hier nicht Ausdruck des Einverständnisses mit einer Welt, in der alles – wie Esoterik ebenso wie idealistische Philosophie und Theologie annehmen – seinen Sinn hat. In den Gebeten sammeln sich die Klagen über all das, was Menschen zu erleiden haben. Wer sich im Beten mit der so verstandenen Geschichte der Betenden und der Gebete verbindet, bleibt nicht bei sich, sondern wird über sich hinaus und hinein in die Verbindung mit allen Menschengeschwistern, vor allem mit den ‚Letzten‘ geführt. In den Gebeten versammelt sich das Leid der Menschheitsgeschichte. Es wird nicht beschwichtigt, sondern als offene Wunde vor Gott getragen.

Solches Beten steht gegen Gottesvergessenheit ebenso wie gegen unirritierbare Gottesgewissheiten. Gegen Gottesvergessenheit erinnert es daran, dass wir uns in unseren kleinen Welten und in der Zerbrechlichkeit privaten Glücks nicht selbst genug sind. Es macht weit, weil es Horizonte eröffnet für die ‚Letzten‘, die unweigerlich in den Blick kommen, wenn wir es mit Israels Gott zu tun bekommen. Es eröffnet Horizonte der Rettung über die gesellschaftliche Situation und sogar über den Tod hinaus.

Dies alles geschieht, ohne über metaphysische Gewissheiten eines rettenden Gottes zu verfügen. Schon gar nicht gibt es Rituale und magische Praktiken, die Rettendes erzwingen könnten. Gott im Gebet anzurufen ist Ausdruck einer Hoffnung in der Erfahrung des Widerspruchs. Solche Hoffnung vermisst Gott und seine Verheißungen. Sie will ‚trotz allem‘ dabei bleiben, dass Gott das ‚letzte Wort‘ der Rettung und Befreiung behält. Das findet seinen Ausdruck im Schrei nach Gott, der uns gerade im Vermissen entgegenkommen kann. Solche Hoffnung gewinnt ihre Kraft aus der Verbindung mit all den Menschen, die vor uns und neben uns sich in solcher Hoffnung verwurzeln und darin ‚radikal‘ in dem Sinne werden, dass sie sich solange nicht beruhigen können, bis alle Verhältnisse umgestürzt sind, in denen Menschen erniedrigt und beleidigt werden, eine Welt leidender und sterbender Menschen nicht verwandelt ist in einen ‚neuen Himmel und in eine neue Erde‘.

In der aktuellen Corona-Krise verbindet uns das Gebet, letztlich Gott als Adressat unserer Gebete, mit denen, die an Corona leiden und sterben; es verbindet uns mit den Katastrophen jenseits unseres unmittelbaren Blickfeldes, in denen ‚Händewaschen‘ nicht geht, weil zwei Fünftel der Weltbevölkerung keinen Zugang zu Seife und sauberem Trinkwasser haben. Es verbindet uns mit den HelferInnen und Einsatzkräften – in den Supermärkten bis hin zu den Apotheken und Krankenhäusern. Und es verbindet uns in der erzwungenen Individualisierung miteinander.

Vielleicht kann die Verbindung zueinander mental wenigstens dadurch lebendig werden, dass wer das möchte, sich sonntags um 10:00 Uhr zur Gottesdienstzeit und werktags um 18:00 Uhr zur Zeit der Vesper eine Gebetszeit reserviert. Dabei könnten die biblischen Tagestexte gelesen und bedacht werden und mit Hilfe von Psalmen ‚ins Gebet‘ genommen und mit dem ‚Vaterunser‘ abgeschlossen werden. Auch das Stundengebet oder die Herrnhuter Losungen bieten Möglichkeiten des täglichen ‚gemeinsamen‘ Gebets. Vielleicht entdecken wir die Stärke traditioneller Gebete auch darin, dass sie nicht unmittelbar ‚zu uns passen‘, weil sie die Erfahrungen unterschiedlicher Menschen und unterschiedlicher Zeiten zum Ausdruck bringen und so in ihrer Weite über unsere unmittelbare Enge hinausführen.

Worum wir beten sollen, hat J.B. Metz ganz unbescheiden formuliert: „Gott um Gott bitten.“ Darin geht es um alles: um Gottes Nähe und sein Reich, und darin um all das, was Menschen zum Leben brauchen: um Brot und menschliche Nähe, um Gesundheit und Begleitung in Krankheit und Sterben, um Gerechtigkeit und Frieden – auch für die Toten. Es geht um all das, was wir vermissen und darum, dass wir uns mit dem Fehlen des Lebens und der Toten nicht abfinden.

Weitere Impulse, die von Interesse sein könnten, finden sich hier:

Mit Euch verbunden im Vertrauen darauf, dass wir ‚zwangsvereinzelt‘ aber nicht allein sind, grüßen Euch

Barbara Bernhof-Bentley, Heri Böttcher, Alexander Just, Dominic Kloos, Albert Ottenbreit, Ingo Schrooten, Annemarie Stubbe, Brigitte Weber, Anna und Peter Weinowski