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„Ermutigung zum Gebet“: Dienstag, 24.3.20

Impuls: „Gott um Gott bitten“ (J.B. Metz)?

Mit Gott tun wir uns schwer. Im Weg steht so vieles: die Bilder eines autoritär strafenden Gottes, die vielen im Rahmen der kirchlichen Situation begegnet sind. Aber auch das Bild vom ‚lieben Gott, der ‚nichts tut‘ war nicht tragfähig. Es ist wohl zu leichtgewichtig angesichts der Schwere der Katastrophen, die wir erleben. Mit der Aufklärung sind metaphysische Sicherheiten eingebrochen. An ihre Stelle ist ein platter Positivismus getreten, der keinen Zugang zu ‚Transzendenz‘, dem Überschreiten der Grenzen, die nun einmal gegeben sind, kennt. Er hält auch die mit dem Kapitalismus gesetzten Grenzen für ‚alternativlos‘. Da ist die fundamentalistische Flucht in esoterische oder existenzielle Gewissheiten ebenso wie in ‚ewige Wahrheiten‘, die sich nicht irritieren lassen.

In diesem Konglomeraten erinnert Metz immer wieder an den Zusammenhang zwischen Gott und der Leidensgeschichte der Menschheit und den Leidensgeschichten der Menschen. Darin wird Gott vermisst, weil er als abwesend und fern erfahren wird. Und dennoch ist er Israel und seinem Messias so nahe gegangen, dass sie nach ihm geschrien und darin das Einverständnis mit den Gegebenheiten aufgekündigt haben. Der Schrei „ist die Art wie Gott in seiner Göttlichkeit bei mir ist, wie er mir in seiner Abwesenheit und Ferne, in seiner Transzendenz nahe ist. Im lautlosen Schrei des Gebets eröffnet sich der Gottesraum, ereignet sich Nähe, Nähe Gottes, die nicht einfach die Nähe des Menschen zum Menschen ist, Nähe für die es kein zwischenmenschliches Äquivalent gibt…“1

Wen die Leidensgeschichte der Menschen nicht loslässt, kann in den Schrei Israels und seines Messias nach Gott einstimmen, nach einem Gott, der nicht gegenständlich dargestellt werden kann (Bilderverbot), aber mit Inhalten und Hoffnungen, denen von Befreiung und Rettung, mit Wegen zu Gerechtigkeit und Solidarität verbunden ist. Er bleibt nicht darstellbar, nicht begreifbar, nicht verfügbar. Nur so kann er uns als Gott entgegen kommen. Was darstellbar, verfügbar, in Begriffen aufgehend ist, kann nicht Gott sein. Metz verweist in diesem Zusammenhang auf den alten Satz; „Si comprehendis non est Deus“, „Wenn du es verstehst, ist es nicht Gott.“

Lesung (Ez 47,1-9.12):

Der Prophet Ezechiel schildert in einer Vision, wie Gott aus dem Tempel und aus Jerusalem fortzog (10,18-22; 11,22f). Mit der Rückkehr aus dem Exil und dem Neubau des Tempels kommt er wieder nach Jerusalem zurück. Im Text der heutigen Tageslesung beschreibt Ezechiel die heilende Wirkung Gottes in Bildern des Wassers, die an den Wasserreichtum des Paradieses erinnern (Gen 2,10-14).

Was in den Bildern des Wassers zum Ausdruck kommt, hat einen sehr realen Hintergrund: den Neubeginn nach dem Exil wie er nach Ezechiel sein soll. Im Gegensatz zur Zeit der Könige sollen Tempel und Königtum nun getrennt werden. Die Hervorhebung des Tempels gegenüber dem Königtum und der Hauptstadt beinhaltet keinen Machtzuwachs der Priester. Der Tempel wird zum Symbol der Befreiung aus Unterdrückung aus der königlichen Zentralgewalt. Zugleich steht er für eine umfassende Neuverteilung des Landes, die sich an den Zeiten vor dem Königtum orientiert. Besitzunterschiede, die in der Königszeit angewachsen waren, sollen durch eine gleichmäßige Verteilung des Landes eingeebnet werden. Auf dieser Grundlage sollen alle Familien wirtschaften und leben können. „Der Kampf um die Befreiung des Kultes aus der staatlichen Bevormundung und der Kampf um die soziale Befreiung des Volkes aus einer ungerechten Gesellschaftsstruktur gingen für die Reformpriester … Hand in Hand.“2

1 Dann führte er mich zum Eingang des Tempels zurück und siehe, Wasser strömte unter der Tempelschwelle hervor nach Osten hin; denn die vordere Seite des Tempels schaute nach Osten. Das Wasser floss unterhalb der rechten Seite des Tempels herab, südlich vom Altar. 2 Dann führte er mich durch das Nordtor hinaus und ließ mich außen herum zum äußeren Osttor gehen. Und siehe, das Wasser rieselte an der Südseite hervor. 3 Der Mann ging nach Osten hinaus, mit der Messschnur in der Hand, maß tausend Ellen ab und ließ mich durch das Wasser gehen; das Wasser reichte mir bis an die Knöchel. 4 Dann maß er wieder tausend Ellen ab und ließ mich durch das Wasser gehen; das Wasser reichte mir bis zu den Knien. Darauf maß er wieder tausend Ellen ab und ließ mich hindurchgehen; das Wasser ging mir bis an die Hüften. 5 Und er maß noch einmal tausend Ellen ab. Da war es ein Fluss, den ich nicht mehr durchschreiten konnte; denn das Wasser war tief, ein Wasser, durch das man schwimmen musste, ein Fluss, den man nicht mehr durchschreiten konnte. 6 Dann fragte er mich: Hast du es gesehen, Menschensohn? Darauf führte er mich zurück, am Ufer des Flusses entlang. 7 Als ich zurückging, siehe, da waren an beiden Ufern des Flusses sehr viele Bäume. 8 Er sagte zu mir: Diese Wasser fließen hinaus in den östlichen Bezirk, sie strömen in die Araba hinab und münden in das Meer. Sobald sie aber in das Meer gelangt sind, werden die Wasser gesund. 9 Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können und sehr viele Fische wird es geben. Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden sie gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben. 12 An beiden Ufern des Flusses wachsen alle Arten von Obstbäumen. Ihr Laub wird nicht welken und sie werden nie ohne Frucht sein. Jeden Monat tragen sie frische Früchte; denn ihre Wasser kommen aus dem Heiligtum. Die Früchte werden als Speise und die Blätter als Heilmittel dienen.

Zwischengesang: Ps 46,2-3.5-6.8-9

2 Gott ist uns Zuflucht und Stärke, als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten. 3 Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres; 4 mögen seine Wasser tosen und schäumen und vor seinem Ungestüm Berge erzittern. [Sela] 5 Eines Stromes Arme erfreuen die Gottesstadt, des Höchsten heilige Wohnung. 6 Gott ist in ihrer Mitte, sie wird nicht wanken. Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht. 7 Völker tobten, Reiche wankten; seine Stimme erscholl, da muss die Erde schmelzen. 8 Mit uns ist der HERR der Heerscharen, der Gott Jakobs ist unsre Burg. [Sela] 9 Kommt und schaut die Taten des HERRN, der Schauder erregt auf der Erde.

Evangelium: Joh 5,1-16

1 Danach war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. 2 In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda. 3 In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. [1] 5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. 6 Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. 8 Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Liege und geh! 9 Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat. 10 Da sagten die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, du darfst deine Liege nicht tragen. 11 Er erwiderte ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Liege und geh! 12 Sie fragten ihn: Wer ist denn der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm deine Liege und geh? 13 Der Geheilte wusste aber nicht, wer es war. Jesus war nämlich weggegangen, weil dort eine große Menschenmenge zugegen war. 14 Danach traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt! 15 Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte. 16 Daraufhin verfolgten die Juden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte.

Das Evangelium erzählt von der Heilung eines Gelähmten an einem Fest der Juden. Von dem Gelähmten heißt es, er sei 38 Jahre krank gewesen. Die Zahl 38 spielt auf die Zeit an, in der der Einzug ins gelobte Land ins Stocken geraten war. Mose hatte Kundschafter ausgeschickt. Sie rieten vom Einzug ab, weil angesichts der Verhältnisse im Land ein Leben nach der Tora nicht möglich sei. 38 Jahre dreht sich Israel im Kreis. Dann aber beendet Gott die Zeit der Lähmung: „Ihr seid jetzt lange genug an diesem Gebirge entlang gezogen. Wendet euch jetzt nach Norden… (Dtn2,2) „Und jetzt steht auf und überquert das Tal des Sered!“ (Dtn 2,13).

Auch in der Zeit Jesu geht es darum, dass Israel, das unter römischer Herrschaft gelähmt ist, von seiner Lähmung geheilt wird.“ Der Gelähmte steht also für das gelähmte Israel. Wer hier ‚vom Einzelnen‘ her denkt, wird nichts verstehen. „Steh auf, nimm deine Liege und geh!“ (V. 6) sagt Jesus zu dem gelähmten Israel. Mitten im von Rom unterdrückten Israel soll Wirklichkeit werden, was in einem Lied aus dem Propheten Jesaja besungen wurde: „Dann werden die Augen der Blinden aufgehen und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann springt der Lahme wie der Hirsch…“ (Jes 35, 5,f).

Die Heilung des Gelähmten führt zu einem Streit um den Sabbat, der den Fortgang der Erzählung bestimmt. Jesus entfernt sich von der Menge, sucht aber den Gelähmten wieder auf, um ihm zu sagen: „Sieh du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt!“ (V. 14) Wer hier wieder ‚vom Einzelnen‘ und von der Sünde ‚des Einzelnen‘ her denkt, bleibt blind. Es geht um die Unterwerfung unter die römische Herrschaft. Wer sie hinnimmt, geht in die Irre und bleibt gelähmt. Wenn Israel sich so von der römischen Herrschaft lähmen lässt, gibt es keine Chance der Befreiung.

Wie steht es um die Lähmung durch Corona? Trübt sie den Blick dafür, dass unter der Krise des Kapitalismus am Gesundheitssystem gespart wurde, dass es privatisiert und für die private Konkurrenz geöffnet wurde? Anna und Peter erinnern daran, dass die deutsche Regierung auf dem Höhepunkt der Eurokrise 2011 zusammen mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank die italienische Regierung gezwungen haben, Kürzungen im Gesundheits- und Sozialbereich durchzuführen. Wie ist zu bewerten, dass individualistische Selbstinszenierer durch Individualisierungszwänge hervorgebracht und wegen positiver Lebenseinstellung und ihres Nachfragepotential auf dem Markt ‚hofiert‘ nun zu Sündenböcken werden, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, dass jenes System, das nun zu kollabieren droht, sie hervorgebracht hat?

1Johann Baptist Metz, Memoria passionis. Ein provozierendes Gedächtnis in pluralistischer Gesellschaft, Freiburg im Breisgau, 2006, 100f

2Rainer Albertz, Religionsgeschichte Israels in alttestamentlicher Zeit, Teil 2: Vom Exil zu den Makkabäern, Göttingen 1992.