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Alte und neue Krisengefahren. Zur aktuellen Ausgabe der Theoriezeitschrift Exit!

Ausgehend von ihrer Generalthese, wonach wir es gegenwärtig mit der Endkrise der kapitalistischen Produktionsweise zu tun haben, präsentiert die Theoriezeitschrift „Exit!“ auch in ihrer aktuellen, bereits sechzehnten Ausgabe eine grundsätzliche Kritik am modernen warenproduzierenden System. Einleitend und mit aller Bestimmtheit unterstreicht die Redaktion im Editorial, „dass, wer von der Fetischkonstruktion der Wert-Abspaltungs-Gesellschaft nicht reden will, auch von sozialen Kämpfen schweigen sollte“. Die Beiträge erheben den Anspruch, einer weithin diffus gefühlten Krise des Kapitalismus die nötige theoretische Reflexion entgegenzusetzen – mit dem Ziel, gegen die „unbegriffenen Verhältnisse“ und „ideologische Verwerfungen“ angehen zu können. Oder wie Herbert Böttcher für Herausgeber und Redaktion in einem Offenen Brief an alle Interessierten der Zeitschrift formuliert: „Die Erkenntnis der gesellschaftlichen Krisenphänomene als ‚konkrete Totalität‘ (…) eröffnet einen Horizont dafür, in konsequenter Kritik und im Bruch mit den die kapitalistische Gesellschaft konstituierenden Formen ein Zusammenleben von Menschen jenseits der Unterwerfung unter Fetischverhältnisse denkbar und machbar werden zu lassen.“

Roswitha Scholz kommentiert in ihrem Artikel einen bereits vor über 25 Jahren erschienenen Text des 2012 verstorbenen Philosophen Robert Kurz („Die Demokratie frisst ihre Kinder. Bemerkungen zum neuen Rechtsradikalismus“, 1993) und stellt unter anderem fest, dass dessen These, wonach Faschismus oder rechtes Denken und Handeln der Demokratie als Organisationsform des Kapitalismus selbst entspringen, sich aktuell im Zeichen rechter Gewalt und eines anschwellenden Populismus in seinem ganzen Ausmaß bewahrheitet.

Gerd Bedszent, unter anderem auch jW-Autor, wendet sich anschließend in seinem Beitrag „Staatsgewalt vom Beginn der Neuzeit bis heute“ gegen die von Kreisen der radikalen Rechten verbreitete Illusion, funktionierende nationalstaatliche Strukturen wiederherstellen, hieße „historische Entwicklungen einfach mittels brutaler Gewalt zurückdrehen“ zu können. Bedszent erkennt vielmehr ein Zusammenwirken von Staatsgewalt und Warenproduktion, wobei die strukturelle Krise der Weltökonomie nationalstaatliche Strukturen unumkehrbar habe erodieren lassen.

Herbert Böttcher widmet sich dem seit Jahren beobachtbaren Bedürfnis, gesellschaftliche Krisenprozesse theologisch wahrzunehmen. In seiner Analyse der Paulus-Rezeption der Philosophen Alain Badiou und Gorgio Agamben stellt er eine „philosophische Flucht in paulinischen Messianismus“ fest, wie der Untertitel seines über 90 Seiten langen Textes verrät.

Beiträge von Thomas Meyer und Jan Luschach schließen die Exit-Ausgabe ab. Am Beispiel der historischen Dimension des sexualwissenschaftlichen Diskurses rund um Transsexualität setzt sich Meyer mit der postmoderne Identitätspolitik auseinander, während Luschach sich der Frage nach einer Geschichtstheorie aus wert-abspaltungs-kritischer Perspektive stellt.

Joachim Maiworm (aus: Junge Welt vom 24. Juni 2019)

„Exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft“, Nummer 16, Mai 2019. Zu-Klampen-Verlag in Springe, 252 Seiten, 22 Euro, Bezug: Germinal GmbH, Verlags- und Medienhandlung, Siemensstraße 16, 35463 Fernwald, bestellservice@germinal.de