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Das Evangelium nach Johannes – Bibelimpulse im Dekanat Andernach-Bassenheim: Teil 12, Joh 5,1-18

„Danach war ein Fest der Juden…“ (5,1)

Mit dieser Formulierung schließt Johannes etwas abrupt an die Erzählung von der Heilung des Sohnes des königlichen Beamten (4,46-54) an. Den neuen Erzählfaden, den Johannes damit einleitet, bilden Feste der Juden:

– ein nicht näher bestimmtes Fest (5,1-48),

– die Nähe des Paschafestes, zu dessen Anlass Johannes von der Brotvermehrung erzählt, an die er eine deutende Rede Jesu anschließt (6,1-71).

– das Laubhüttenfest, an dem ein heftiger Streit zwischen Jesus und den führenden Juden um die Frage nach seiner Messianität ausgefochten wird (7,1-10,21), und

– das Fest der Tempelweihe, in dessen Zusammenhang Johannes von der Auferweckung des Lazarus erzählt und der Konflikt zwischen Jesus und den führenden Juden auf Jesu Hinrichtung am Kreuz der Römer zu eskalieren beginnt.

In den Konflikten, die sich um die Feste ranken, wird um die Frage gestritten, ob Jesus der Messias sein kann. Aus der Sicht des Johannes weigern sich die führenden Juden Jesus als Messias für Israel anzuerkennen. Doch lassen wir Johannes selbst zu Wort kommen:

5,1 Danach war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. 2 In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda. 3-4 In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. 5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. 6 Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. 8 Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Liege und geh! 9 Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat. 10 Da sagten die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, du darfst deine Liege nicht tragen. 11 Er erwiderte ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Liege und geh! 12 Sie fragten ihn: Wer ist denn der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm deine Liege und geh? 13 Der Geheilte wusste aber nicht, wer es war. Jesus war nämlich weggegangen, weil dort eine große Menschenmenge zugegen war. 14 Danach traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt! 15 Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte. 16 Daraufhin verfolgten die Juden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte. 17 Jesus aber entgegnete ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt und auch ich wirke. 18 Darum suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen Vater nannte und sich damit Gott gleichmachte.

Danach war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. (5,1)

Im Unterschied zu den anderen Festen, von denen Johannes erzählt, dass Jesus nach Jerusalem hinaufzieht, bleibt dieses Fest unbestimmt. Wir können jedoch davon ausgehen, dass es sich um ein Wallfahrtsfest handelt, an dem Juden nach Jerusalem hinauf ziehen. Für die folgende Erzählung von der Heilung eines Gelähmten und die sich daran entzündenden Auseinandersetzung ist entscheidend, dass dieses Fest an einem Sabbat stattfindet.

Er ist – wie generell die Feste – dadurch charakterisiert, dass er eine Unterbrechung im Ablauf der Zeit darstellt. An den normalen Tagen – im Lateinischen und in der Liturgie werden sie ‚dies feriae‘, wilde bzw. freie Tage im Ablauf der Zeit genannt – gehen Menschen ihren unterschiedlichen Tätigkeiten nach. Diese Abläufe sind durch ‚feste Zeiten‘, also durch Feste unterbrochen. Die Unterbrechung erinnert daran, dass Gott am siebten Tag, dem Sabbat, ruhte und ihn dadurch heiligte (Gen 2,1ff). Zugleich heißt es „Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er gemacht hatte.“ Kann aber eine Schöpfung schon ‚vollendet‘ sein, in der es Arme und Kranke, Krüppel und Gelähmte gibt? In welcher Beziehung stehen ‚Ruhe‘ und ‚Vollendung‘? Darüber wird nach der Heilung des Gelähmten am Sabbat gestritten werden.

In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda. (5,2)

Der Teich „ist ein Tauchbad am alten Schafstor“, das nach Nehemia 3 „vor mehr als 450 Jahren errichtet wurde“[1]. Die fünf Säulenhallen könnten für die fünf Bücher der Tora stehen. „Der Legende nach sollte ein himmlischer Bote das Wasser verwirbeln und der erste Kranke, der dann ins Wasser geht, sollte geheilt werden.“[2]

Warum Johannes den Hinweis auf den hebräischen Namen Betesda, das man mit Haus der Barmherzigkeit übersetzen kann, eingefügt hat, ist nicht eindeutig zu klären. Vielleicht um zu unterstreichen, was nun geschieht.

In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. 5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war. (5,3-5)

In den Säulenhallen lagen viele dauerhaft Kranke, denen kein Arzt helfen konnte, die sich daher Heilung durch das Bad erhofften. Die Szenerie erinnert an Jes 35,5f, wo es heißt:

„Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt…“

Das Lied, aus dem diese Verse zitiert sind, besingt die Befreiung Israels aus Fremdherrschaft. Gott kommt seinem Volk als Befreier und Retter entgegen. Dann wird Israel aufgerichtet. Die „schlaffen Hände“ werden gestärkt und die „wankenden Knie“ gefestigt (35,3). Zu den „Verzagten“ wird gesagt: „Seid stark, fürchtet euch nicht!“ (35,4). Wenn im Umfeld Jesu bzw. der messianischen Gemeinden Menschen die Augen aufgingen, die Ohren sich der Botschaft vom Reich Gottes öffneten, Verstummte begannen zu reden und Gelähmte aus ihrer Lähmung befreit wurden, wurde dies als Anfang der messianischen Zeit und Jesus als Messias interpretiert.

Aus der Menge der Kranken wird nun ein Mann herausgegriffen, der schon achtunddreißig Jahre krank war. Die Zahl 38 taucht im ersten Testament nur einmal auf und zwar in Dtn 2,14. Mose hatte Kundschafter ausgeschickt, um das Land in Augenschein zu nehmen. „Nach ihrer Rückkehr rieten sie dem Volk, dorthin nicht weiterzugehen, weil die Verhältnisse im Land einen Einzug und ein Leben nach der Tora dort nicht erlauben würden: ‚Riesen haben wir dort gesehen‘, (Dtn 1,28). Das ganze Projekt sei von Anfang an faul gewesen so die Kundschafter: ‚Aus Haß hat der NAME uns weggeführt aus dem Land Ägypten, um uns in die Hand des Amoriters zu geben und uns zu vernichten.‘

„Die Folge: Niederlage und Stagnation im wahrsten Sinne des Wortes, achtunddreizig Jahre lang wird sich Israel im Kreise drehen. Dann kommt die Wende“[3]. In Dtn 2,1-13 heißt es:

„Dann wendeten wir uns der Wüste zu, brachen auf und nahmen den Weg zum Roten Meer, wie es der HERR mir befohlen hatte. Wir zogen lange Zeit am Gebirge Seïr entlang. Dann sagte der HERR zu mir: Ihr seid jetzt lange genug an diesem Gebirge entlanggezogen. Wendet euch jetzt nach Norden!“ (Dtn 2,1-3)

„Und jetzt steht auf und überquert das Tal des Sered! Da überquerten wir das Tal des Sered. Die Zeit, die wir von Kadesch-Barnea an gewandert waren, bis wir das Tal des Sered überquerten, betrug achtunddreißig Jahre. So lange dauerte es, bis die Generation der waffenfähigen Männer vollständig ausgestorben war, sodass sich keiner von ihnen mehr im Lager befand, wie es ihnen der HERR geschworen hatte.“ (Dtn 2,13f)

Israel war vom Anblick der Riesen gelähmt. Die Hindernisse, die nach dem Übergang über den Jordan zu überwinden waren, schienen ‚riesig‘. Sie waren so übermächtig, dass Israel sich nicht vorstellen konnten, im Land der ‚Riesen‘ als von Gott befreites Volk zu leben. Damit aber wäre die Befreiung aus Ägypten gescheitert und die Verheißung von Israels Gott verraten. Diese Situation lähmte und lies Israel perspektivlos um sich selbst kreisen und in die Irre gehen. Sie wird durch ein Wort Gottes unterbrochen, dessen Kern die Aufforderung ist: „Und jetzt steht auf…“ (Dtn 2,13).

Mit dem Hinweis auf die 38jährige Lähmung des Mannes stellt Johannes eine Beziehung her zwischen der Lähmung, unter der Israel zurzeit der Römer, vor allem nach der Zerstörung Jerusalems zu leiden hatte. Unter diesen Verhältnissen schien es aussichtslos, als befreites Volk nach den Weisungen der Tora zu leben. Israel war ‚gelähmt‘. Unter der Herrschaft Roms konnte es nur in die Irre gehen, d.h. Gottes Wege und Weisungen zur Befreiung verfehlen. Es brauchte eine Initiative, mit der die Lähmung sich lösen konnte. Einer wie damals Mose… Johannes sieht denjenigen, der von Gott gesandt ist, um Israels Lähmung unter der Herrschaft Roms zu lösen, in dem Messias Jesus.

Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. (5,6f)

Jesus erkennt die Situation des Kranken. Er ist gelähmt und dazu noch ohne Hilfe. Aus eigener Kraft kommt er nicht auf die Beine. Den rettenden Teich kann er nicht als erster erreichen. Jesus lässt sich von ihm und seiner aussichtslosen Lage berühren. Er hört seinen stummen Schrei. Jesu Frage ermutigt den Kranken, seine aussichtslose Lage in Worte zu fassen.

Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Liege und geh! Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat. (5,8f)

Vor dem Hintergrund der 38jährigen Lähmung ist die Heilung des Gelähmten transparent für die Heilung Israels durch den Messias. Der Messias richtet Israel auf, so dass es aufstehen, seine Liege in die Hand nehmen und gehen kann. Die Zeit des Daniederliegens ist vorbei. Israel hat wieder festen Boden unter den Füssen, so dass es gehen kann. Das mit gehen übersetzte griechische Wort meint, gehen (einhergehen, wandeln) nach Gottes Weisungen auf Wegen der Befreiung.

Nach den 38 Jahren, in denen Israel am „Gebirge Seir entlangzog“ (Dtn 2,1) bzw. um sich selbst kreisend in die Irre gegangen war, hatte Mose im Auftrag Gottes das erlösende Wort: „Und jetzt steh auf…“ (Dtn 2,13) gesprochen. So spricht nun der Messias, in dem Gottes Wort „Fleisch geworden“ ist und „unter uns gewohnt hat“ (Joh 1,14) angesichts der Lähmung Israels durch die ‚riesige‘ Macht Roms das befreiende Wort: „Steh auf…“

Und das Wort geschieht – wie wir aus Gen 1 wissen oder wie Jesaja als Spruch Gottes sagt: „Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55,11b). Genau das geschieht in der Heilung des Gelähmten: „Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging.“ Weil das Fest ein Wallfahrtsfest war und Jesu den Mann im Tempel wieder trifft, können wir davon ausgehen, dass er zum Tempel ging, also sofort damit anfing auf den Wegen der Tora zu gehen.

Das Problem, an dem sich der nun folgende Streit entzündet, steckt in der Aussage, die Johannes gleichsam nachschiebt: „Dieser Tag aber war ein Sabbat.“

Da sagten die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, du darfst deine Liege nicht tragen. Er erwiderte ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Liege und geh! Sie fragten ihn: Wer ist denn der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm deine Liege und geh? Der Geheilte wusste aber nicht, wer es war. Jesus war nämlich weggegangen, weil dort eine große Menschenmenge zugegen war. (5,10-13)

Der Sabbat ist Anlass dafür dass, „die Juden“, genauer gesagt die ‚führenden Juden‘, die als Behörde agieren, die Bühne der Erzählung betreten. Sie überprüfen die Einhaltung des Sabbatgebots.

Biblisch findet sich dieses Verbot in den Zehn Geboten (Ex 20,8ff, Dtn 5,12ff). Eine für unsere Stelle besonders deutliche Ausformulierung hat es in Jer 17,21f. gefunden: „So spricht der HERR: Hütet euch um eures Lebens willen, am Tag des Sabbat eine Last zu tragen… Vielmehr sollt ihr den Tag des Sabbats heiligen…“[4] Zur Heiligung des Sabbats gehört es – so wird hier eingeschärft – keine „Last zu tragen“.

Genau das aber geschieht in der Szene, mehr noch: Dass der Geheilte aufstehen und gleichsam die Last seiner Lähmung in die Hand nehmen kann, ist Ausdruck seiner Heilung und als ‚Zeichen und Wunder‘ zu verstehen.

Entsprechen antwortet der Mann: „Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Liege und geh!“ Er wusste nicht, wer Jesus war, aber er erkannte in seinem rettenden und befreienden Handeln Gottes Autorität. Daran hängt Jesu Autorität. Er gewinnt sie dadurch, dass er den Gelähmten gesund gemacht hat. Wer heilen kann, der kann auch sagen: Trage deine Liege, selbst wenn Sabbat ist. Wer Israel aus seiner Lähmung befreit, in ihm wirkt Gottes Autorität. In der Autorität Gottes führt der Messias den Weg der Befreiung weiter.

Danach traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt! (5,14)

Jesus findet den Gelähmten im Tempel. Es gibt keine zufälligen Begegnungen im Johannesevangelium. Wie er zunächst seine Jünger und dann auch Natanael gefunden hatte (Joh 1,43ff), so findet er nun den Geheiltem im Tempel. Jesus spricht zu ihm, erinnert ihn an seine Rettung und ermahnt ihn: „sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt“. Die Heilung am Sabbat ist der Anlass, Jesus zu verfolgen (vgl. V. 16). Vor diesem Hintergrund dürfte das „noch Schlimmere“, die schlimmste Verirrung, sein, Jesus zu töten (vgl. Joh 7,31ff). Wer dies betreibt, gehört nicht mehr zu den „Kindern Abrahams“ (7,39); denn: „So hat Abraham nicht gehandelt“ (Joh 7,40). Vor solcher Verirrung soll sich der ‚behördlich‘ befragte Gelähmte hüten. Von denen also, die letztlich den Tod Jesu betreiben, soll Israel sich nicht in die Irre führen und lähmen lassen.

Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte. 16 Daraufhin verfolgten die Juden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte. (5,15-16)

Die Mitteilung an die ‚Behörde‘ und die damit einsetzende Verfolgung Jesus unterstreicht zugleich die Gefahren, in denen sich der Geheilte befindet. Die Verfolgung kann auch auf ihn überspringen und dann lauert die Gefahr, mit der Behörde auch im Blick auf Jesu Tötung zu kooperieren. Damit ist nichts über seinen weiteren Weg gesagt, er verschwindet nun genauso spurlos wie vorher Nikodemus (vgl. Joh 3,1-21). Jedenfalls haben die führenden Juden nach der Identifizierung Jesu als den, der Israels Lähmung überwindet und damit widerständig gegen Roms Herrschaft macht, einen Grund Jesus zu verfolgen. Sie wollen schließlich Israel ‚ruhig‘ und ‚lahm‘ halten angesichts der Herrschaft Roms. Wie nach der Begegnung mit Nikodemus beginnt Jesus in Vers 20 eine Rede, die zwar veranlasst ist durch die Begegnung mit dem Gelähmten, die aber ohne Gesprächspartner auskommt. Doch zuvor wird der Dissens noch einmal auf den Punkt gebracht.

Jesus aber entgegnete ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt und auch ich wirke. (5,17)

Gottes ‚Ruhe‘ am Sabbat ist offensichtlich nicht wirkungslos. In Gen 2,1 steckt dies darin, dass ‚Vollenden‘ und ‚Ruhen‘ zusammen kommen, wenn es heißt: Gott „vollendete“ sein Werk und er „ruhte … nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte“. Sprachlich wird unterschieden zwischen ‚vollenden‘ und ‚machen‘. Das Werk ist gemacht, aber noch nicht vollendet. Daher muss Gott weiter ‚wirken‘. Das gilt in zweifacher Hinsicht: Wenn Gott Schöpfer und Erhalter des Lebens ist, muss er auch am Sabbat ‚wirken‘, wenn sein Werk nicht zusammen brechen soll. Zum zweiten ist das Werk noch nicht vollendet. Denn sonst wäre die in Gerechtigkeit und Frieden vollendete Ruhe des Sabbats bereits Wirklichkeit. Die Herrschaft der Römer dementiert aber geradezu die Vollendung der Schöpfung. „Schabbat ist erst, wenn alle Werke getan sind, wenn alle Menschen heil sind und sie endlich das sind, was sie sind: Ebenbild Gottes.“[5] Die Menschen unter der Herrschaft Roms sind gerade nicht Ebenbild Gottes, sie müssen es erst werden, in dem sie befreit werden aus der Knechtschaft Roms. So wie der Vater in der Geschichte Israels immer wieder Befreiung bewirkt hat und wirkt, so wirkt auch Jesus. Genau darin zeigt sich seine Einheit mit dem Vater – ohne dass Jesus mit ihm verschmilzt. Der Vater bleibt der Sendende und der Sohn der Gesandte.

Darum suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen Vater nannte und sich damit Gott gleichmachte. (5,18)

Für die führenden Juden ist diese Einheit im Wirken Gotteslästerung. Für sie bedeutet solche Einheit, dass Jesus sich „Gott gleichmachte“. Es geht aber nicht um die Vergottung bzw. Vergötzung Jesu. Das behauptet auch nicht die Formel des Konzils von Chalcedon, wenn es darin heißt Jesus sei wahrer Mensch und wahrer Gott.

Dies gilt gerade nicht in einer identitären Identifikation, nach der Jesus gleich Gott zu setzen wäre, sondern „unvermischt und ungetrennt“, d.h. Gott und Mensch in Jesus dürfen weder vermischt noch voneinander getrennt werden. Damit wird es möglich – wie es ja seinen Niederschlag in der Trinitätslehre gefunden hat –, die Relation von Vater und Sohn zu denken, sowohl – ontologisch – den Vater als den ursprunglosen Ursprung des Sohnes jenseits der Zeit, der in der Zeit Mensch geworden ist – eben ‚wahrer Mensch und nicht ein menschlich verkleideter Gott als auch heilsgeschichtlich in der Spur des Johannes als Einheit zwischen Vater und Sohn, die in ihrem gemeinsamen Wirken zur Geltung kommt. Im Zusammenhang dieser Einheit im Wirken steht der Sohn in einer Beziehung, einer Relation zum Vater, nach der er der Beauftragte und Gesandte des Vaters ist, in dessen Wirken genau das ‚geschieht‘, was Inhalt des Gottesnamens ist.

Schöpfung und Befreiung verdanken sich des schöpferischen und rettenden Wortes Gottes.

Die führenden Juden suchen nun Jesus nicht wegen eines abstrakten Anspruchs zu töten, sondern wegen des Inhaltes seines Wirkens, das auf Befreiung auch von der Herrschaft Roms zielt und den Anspruch erhebt, genau in diesem Wirken eins mit Israels Gott der Befreiung zu sein. Die konfliktreiche auf Jesu Hinrichtung zielende Auseinandersetzung darum, zieht sich von nun an mit zunehmender Schärfe durch den weiteren Erzählfaden unseres Evangeliums und wird in der Heilung des Blindgeboren (Joh 9) und in der Auferweckung des Lazarus (Joh 11) samt deren tödlichen Folgen seinen Höhepunkt erreichen.

Die Botschaft von der Heilung des Gelähmten (Israel) führt uns schmerzlich vor Augen, dass wir uns nicht selbst retten können. Es braucht das rettende Wort Gottes, das wir nicht erzwingen können. Für uns von der Aufklärung verseuchte Menschen, die sich als Selber-Denker und -Macher verstehen, ist das mal wieder schwer zu verdauen, vielleicht sogar eine narzisstische Kränkung. Obwohl die aufgeklärte Geschichte des Kapitalismus an den Rand lähmenden Wahns und gähnenden Abgrunds führt, scheint es keine Irritation und Unterbrechung des Denkens und Machens in der vernichtenden Logik des Kapitalismus zu geben. Statt dieser Logik des Todes zu vertrauen, käme es für messianische Gemeinden auch heute darauf an, sich dem Wort, das in der Geschichte Israels und in seinem Messias geschieht und geschehen will, anzuvertrauen, neu – wie Karl Rahner es genannt hat – „Hörer (und Innen) des Wortes“ zu werden, sich der Selbstmitteilung Gottes, dem Primat seiner alle geschlossene Immanenz öffnenden Gnade anzuvertrauen und genau dies in kritischem Denken und Widerstand gegen einen katastrophischen Kapitalismus zur Geltung zu bringen, dessen Herrschaft gerade in ihrem Zerbrechen mit einer wahnhaften Selbst- und Weltvernichtung einher zu gehen droht.

Zusammengestellt von

Alexander Just

[1] Ton Veerkamp, Der Abschied des Messias. Eine Auslegung des Johannesevangeliums, I. Teil: Johannes 1,1-10,21, Texte und Kontexte Nr. 109-111, 2006, 96. [Veerkamp, Abschied]

[2] Veerkamp, Abschied 96.

[3] Veerkamp, Abschied 97.

[4] Vgl. Wengst, Klaus, Das Johannesevangelium. 1. Teilband: Kapitel 1-10, Stuttgart 2000 (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament Bd. 4), 187f.

[5] Veerkamp, Abschied 100.