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Einladung zu Online-Gottesdiensten in der Fastenzeit: „Wähle also das Leben…“ (Dtn 30,19)

Die Online-Vespern während der Fastenzeit finden jeden Freitag (bis inkl. 8.4.22) um 19h statt. Nach Anmeldung an info[at]oekumenisches-netz.de wird der Teilnahmelink zugesandt.

„Wähle also das Leben…“ (Dtn 30,19)

Ein Dank und eine Bemerkung vorweg

Der Dank gilt unserem Netz-Mitglied Ansgar Moenikes, Alttestamentler in Paderborn. Gefragt nach der genauen Angabe für ein Zitat, hat er gleich den gesamten Text gegengelesen und auf einige wichtige Aspekte aufmerksam gemacht: Die der Auslegung vorangestellte neue Einheitsübersetzung übersetzt den Gottesnamen aus Respekt vor der Nennung des Gottesnamens mit „HERR“. Sie folgt der griechischen Übersetzung des Gottesnamens in der Septuaginta (LXX). „Das ist aber“ – so Ansgar – „ein Hoheitstitel aus einer späteren Zeit, in der aus Ehrfurcht die Nennung des Gottesnamens vermieden und daher durch diesen Hoheitstitel ersetzt wird. Der Hoheitstitel ‚der HERR‘ ist aber nicht so eng wie der Gottesname ‚JHWH‘ mit dem Befreiungsinhalt verbunden“. Im Auslegungstext hat Ansgar einige aus der neuen Einheitsübersetzung übernommenen Übersetzungen korrigiert. Es ‚lohnt‘ sich, Ansgars Übersetzungen mit denen der neuen Einheitsübersetzung zu vergleichen.

Dtn 30,11-20

11 Denn dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. 12 Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? 14 Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.

15 Siehe, hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor, nämlich so: 16 Ich selbst verpflichte dich heute, den HERRN, deinen Gott, zu lieben, auf seinen Wegen zu gehen und seine Gebote, Satzungen und Rechtsentscheide zu bewahren, du aber lebst und wirst zahlreich und der HERR, dein Gott, segnet dich in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen. 17 Wenn sich aber dein Herz abwendet und nicht hört, wenn du dich verführen lässt, dich vor anderen Göttern niederwirfst und ihnen dienst – 18 heute erkläre ich euch: Dann werdet ihr ausgetilgt werden; ihr werdet nicht lange in dem Land leben, in das du jetzt über den Jordan hinüberziehst, um hineinzuziehen und es in Besitz zu nehmen. 19 Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. 20 Liebe den HERRN, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. Er ist die Länge deines Lebens, das du in dem Land verbringen darfst, von dem du weißt: Der HERR hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen zu geben.

Manchen ‚KirchengenossInnen‘ kommt das Wort Leben oder gar die Rede vom Leben „in Fülle“ (Joh 10,10) recht flott von den Lippen – erst recht, wenn es darum geht, Leitbilder im Rahmen einer ‚unternehmerischen Kirche‘ biblisch auszuschmücken. Flott und leicht geht das, wenn das Stichwort Leben ‚im Allgemeinen‘ bleibt und sich damit kontextlos assoziieren lässt. Das wirkt aktuell und ‚auf der Höhe der Zeit‘, geht aber oft an den biblischen Texten vorbei; denn die sind nicht ohne Erinnerung und deshalb nicht ohne Kontext im Text und nicht ohne Kontext in geschichtlichen Zusammenhängen von damals und heute ‚zu haben‘.

Unser Textausschnitt trägt mehrfache Spuren der Erinnerung. Im textlichen Zusammenhang des Buches Deuteronomium ist er Teil einer langen Abschiedsrede des Mose, die er kurz vor dem Übergang über den Jordan ins gelobte Land, das Mose selbst nicht mehr erreicht, hält. Inhaltlich blickt sie zurück auf die Befreiung aus Ägypten und die darauf folgenden Wege und Irrwege durch die Wüste. Sie legt dem Volk all das ans Herz, was es aus den Erfahrungen der Wüstenwanderung zu ‚beherzigen‘ gilt. Es sind Weisungen (Gesetze) für den Weg über den Jordan und das Leben im verheißenen Land. Ihr Ziel ist es, die Befreiung und die damit verbundenen Verheißungen eines befreiten Lebens zu bewahren.

Der Text des Buches Deuteronomium hat eine lange Geschichte seiner Entwicklung hinter sich. Seine uns heute vorliegende Form hat er nach dem Babylonischen Exil bekommen. In ihm sind also vielfältige Erfahrungen aus der Geschichte Israels aufgenommen. Sein Zentrum bildet das Gebot:

„Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit deinem ganzem Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft“ (Dtn 6,4).

Israels Gott unterscheidet sich als ‚einziger‘ Gott der Befreiung von den ‚Göttern‘ bzw. Götzen seiner Umwelt, die Macht und Herrschaft legitimieren. So entstand das Volk Israel „als egalitäre, d.h. auf soziale Gleichheit ausgerichtete Gegengesellschaft zu den Stadtkönigtümern Kanaans und war von einem ausgesprochen herrschaftsfeindlichen Bewusstsein geprägt“. Israels einziger Gott ist „ein Gott aus der Wüste und nicht des kanaanäischen Kulturlandes und seiner ausbeuterischen und unterdrückerischen Gesellschaftsordnung. JHWH galt dem neu entstehenden Israel insgesamt als Gott der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, d.h. aus Ägypten, das fortan als Chiffre für Sklaverei und Unterdrückung insgesamt steht“1.

Um die Befreiung zu bewahren, soll Israel „keine anderen Götter haben“ (Dtn 5,7). Das ist keine allgemeine Weisung, sondern eine, die in die jeweiligen Verhältnisse und geschichtlichen Konstellationen buchstabiert werden muss. Im Deuteronomium zeigt sich dies u.a. in den Weisungen zu Schuldenerlass und ‚Kredithilfen‘ für die Armen (Dtn 15). Solcher Ausgleich zielt darauf, dass „es bei dir gar keine Armen geben soll“ (Dtn 15,4). Das Königtum wird – wenn es schon gegen Gott in der Geschichte Israels durchgesetzt wurde – bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Im Königsgesetz des Deuteronomiums (17,14-20) erhält der König keinen Herrschaftsauftrag, vielmehr wird seine Herrschaft so weit eingeschränkt, dass sie nur noch ‚auf dem Papier‘ steht. Was bleibt, ist die Mahnung, „dass sich sein Herz nicht über seine Brüder erhebe und von dem Gebot nicht rechts und links abzuweichen“ (Dtn 17,20).

Weder allgemeine noch harmlose Alternativen

Die Fragen nach Befreiung von sozialen Ausbeutungsverhältnissen ebenso wie die nach Herrschaftsverhältnissen in den Strukturen des Zusammenlebens sind vorausgesetzt, wenn Mose als Zusammenfassung seiner Rede dem Volk an der Schwelle des Jordans „das Leben und das Gute, den Tod und das Schlechte/Übel/Böse“ (Dtn 30,15) vorlegt. In der Unterscheidung zwischen „Leben und Gutem“ auf der einen und „Tod und Schlechtem“ auf der anderen Seite kommt die Unterscheidung zwischen Gott und Götzen, Befreiung und Unterwerfung unter Herrschaft zur Geltung. Entsprechend heißt es: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst und deine Nachkommen“ (Dtn 30,19). Und damit Leben nicht unverbindlich ‚allgemein‘ verstanden wird, wird unmissverständlich der Horizont abgesteckt, in dem zu verstehen ist, was ‚Leben‘ heißt, nämlich: JHWH, deinen Gott zu lieben, auf seine Stimme zu hören und ihm anzuhängen; „denn er ist dein Leben“ (Dtn 30,20).

Das mag für Menschen, die nur diese Textpassage lesen, immer noch recht allgemein klingen. Unser Text setzt aber voraus, dass seine HörerInnen und LeserInnen mit dem gesamten Text vertraut sind. Darin gewinnt das seine Konturen, was inhaltlich mit ‚Leben‘ und mit ‚Gott‘ gemeint ist. Es geht also darum, in die ‚Lehre‘ des Deuteronomiums zu gehen, sich von Israels Geschichte ‚belehren‘ zu lassen. Israels Erinnerung muss in neuen Situationen immer wieder neu durchbuchstabiert werden, wenn Israels Gott geliebt und seine Wege der Befreiung als Wege zum Leben ‚beherzigt‘ werden sollen. Da reicht kein kurzer ‚Bibelimpuls‘, auch kein ‚Bibel teilen‘. Es bedarf – der jüdischen Tradition entsprechend der ‚Lehrhäuser‘. In ihnen können Menschen sich mit den Erinnerungen und Lehren aus der Geschichte vertraut machen und dies so miteinander teilen, dass sie überlegen, wie in der gegenwärtigen Zeit gewählt werden muss zwischen Leben und Tod, Befreiung und Herrschaft, Gott und Götzen und wie dann Gott und die Befreiung ‚gehalten‘ werden können.

Im Blick auf den ‚synodalen Weg‘ fragt Ansgar Moenikes: „Eine sozial-egalitäre, geschwisterliche Kirche – und dann ist alles gut?“ Besser werden kann es nur, wenn sich die Kirche synodal so strukturiert, dass sie „Trägerin der biblischen Befreiungsbotschaft“2 werden kann. Wenn sie diese Perspektive nicht ins Zentrum ihrer Reformbemühungen stellt, bleibt sie in der Gefahr, ekklesionarzistisch um sich selbst als (post-)modern (spät-)bürgerliche unternehmerische Kirche zu kreisen3. Mit den Opfern von Herrschaft hat sie dann nichts mehr zu tun. Es ist kein Zufall, dass sich die Kirche, wie vor allem im Zusammenhang des Missbrauchs klerikaler Macht deutlich wird, so schwer tut mit den Opfern ihrer eigenen Machtverhältnisse. Spätestens im Gefolge der sog. ‚konstantinischen Wende‘ gehört Ignoranz gegenüber den Opfern kirchlicher und gesellschaftlicher Herrschaft zu ihrer Geschichte. Umkehr und Reform müssen tiefer ansetzen als bei der Suche nach innerkirchlich besseren Verhältnissen4. Dabei reicht das Vorbild der Demokratie bei weitem nicht aus. Es kann sich sogar als Irrweg erweisen; denn: „In den modernen rechtsstaatlichen Demokratien soll die Realisierung von Recht durch den Diskurs in der repräsentativen parlamentarischen Demokratie gewährleistet werden. Doch über ihr gibt es eine höhere Autorität, der sie im Hinblick auf das égalité aller Menschen verpflichtet ist: das ist die ‚Autorität der Leidenden‘“ schärft Thomas Staubli unter Bezug auf Johann Baptist Metz ein5. Ob sich die Demokratie darauf verpflichten lässt, ist zu bezweifeln, ist sie doch historisch und materialiter mit der kapitalistischen Konstitution der Gesellschaft verbunden. Auf die „Autorität der Leidenden“ verpflichtet, ist die Kirche, insofern zu ihrer Konstitution das Hören auf den Gott gehört, von dem die Bibel erzählt, er höre die Schreie der in Ägypten Versklavten (Ex 3).

Eine Überforderung?

Ist das alles eine ‚moralische‘ Überforderung des auf sich selbst zurück geworfenen postmodernen Krisensubjekts? Dem Einwand, es sei eine Überforderung, auf die Stimme des Gottes der Befreiung zu hören, sich an ihm festzuhalten und seine Weisungen zu halten (Dtn 30,11), scheint auch unser Bibeltextbegegnet zu sein. Er versucht ihm mit der Versicherung zu begegnen: „Dieses Gebot … geht nicht über deine Kraft und ist dir nicht fern“ (Dtn 30,12). Um Zugang zu ihm zu bekommen, braucht niemand in den Himmel hinaufzusteigen oder über das Meer zu fahren. Im Gegenteil: Es „ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen…“ (Dtn 30,14). Es kommt uns nahe, wenn wir es lesend und darüber sprechend in den Mund nehmen. Dann findet es auch einen Weg in unsere Herzen. Das Wort ist dann keine Überforderung, wenn wir es nicht als Vereinzelte ‚in den Mund‘ nehmen, sondern es um seine Auslegung und um Wege der Befreiung ringend in den Mund nehmen und es ‚beherzigen‘. Dann kann es zu einem befreienden Wort werden, an dem wir uns ‚festhalten‘ an Gott und seinem Versprechen, auf die Schreie der Versklavten zu hören und mit ihnen Wege der Befreiung zu gehen.

Unser Weg in der diesjährigen Fastenzeit

In unseren digitalen Gottesdiensten werden wir versuchen, die Frage nach der Wahl zwischen Leben und Tod, zwischen Gott und Götzen anhand apokalyptischer Texte aus dem Buch Daniel und dann vor allem aus dem Buch der Offenbarung des Johannes zu buchstabieren. In apokalyptischen Texten begegnet uns nicht eine Reportage künftiger Schreckensszenarien. Aufgedeckt werden die Herrschaftsverhältnisse, unter denen Menschen zu leiden haben. In diesen Texten begegnet uns die ‚Autorität der Leidenden‘, ihre Schreie und ihre Hoffnungen auf Rettung. Von den Opfern als Kehrseite der herrschenden Verhältnisse wird zugleich die Wahrheit dieser Verhältnisse enthüllt bis hin zur Hoffnung auf den Menschensohn (Daniel) und zur Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde in der neuen Stadt Jerusalem (Offenbarung des Johannes).

Herbert Böttcher

1Ansgar Moenikes, Synodalität. Eine biblische Besinnung, in: Zulehner, P.M. u.a. (Hg.), Synodalisierung. Eine Zerreißprobe für die katholische Weltkirche? Expertinnen und Experten aus aller Welt beziehen Stellung, Ostfildern 2022 (im Druck); zur biblischen Herrschaftskritik vgl. auch ders., Der sozial-egalitäre Impetus der Bibel Jesu und das Liebesgebot als Quintessenz der Tora, Würzburg 2007.

2Moenikes, Synodalität, a.a.O.

3Herbert Böttcher, Auf dem Weg zu einer ‚unternehmerischen Kirche‘ im Anschluss an die abstürzende (Post-) Moderne, in: exit! Krise und Kritik der Warengesellschaft, 17, Springe 2020, 179 – 238.

4Vgl. Kirche und Macht-Missbrauch. Stellungnahme des AK Theologische Orientierung des Ökumenischen Netzes, Koblenz 2022: https://www.oekumenisches-netz.de/2022/01/stellungnahme-des-ak-theologische-orientierung-kirche-und-macht-missbrauch.

5Thomas Staubli, Gott, unsere Gerechtigkeit. Begleiter zu den Sonntagslesungen aus dem Ersten Testament, Luzern 2000, 159.