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Gruß vom Nikolaus

Ihr Lieben,

schon seit Jahren trefft Ihr Euch mit mir im Advent u.a. in Koblenz-Metternich, um meinen Namenstag zu feiern. Gerne bin ich da zu Euch gekommen. Leider ist mir in diesem Jahr jedoch der Weg zu Euch versperrt. Auch ich muss mich an die Corona-Verordnungen halten.

Wegen der Kinder vor allem blutet mir das Herz. Ich habe noch bestens in Erinnerung wie sie sich gefreut und mich mit offenem Gesicht – von Angesicht zu Angesicht und nicht von Maske zu Maske – angesehen haben. Ich denke aber auch an die Alten und Kranken, die vor allem in den Pflegeheimen und Krankenhäusern noch mehr vom Leben abgeschnitten sind. Über Annemarie, die abends mit Hildegard betet und den Kontakt zu Marlies hält, freue ich mich besonders.

Mir gehen aber auch all die Armen bei Euch und in der Zweidrittelwelt unter die Haut. Hier hat der Kapitalismus vieles von dem zerstört, was auch Schutz vor Corona bieten könnte. Manche hatten ja gehofft, die Unterbrechung der kapitalistischen Krisennormalität werde zu einem Umdenken führen. Danach sieht es leider nicht aus. „Die Corona-Krise hat bislang nicht zu einem Zusammenwachsen der Welt geführt, sondern staatlichen Egoismus und Nationalismus befeuert“, musste ich heute in der Zeitung lesen. In Deutschland ist zur Zeit einer meiner brasilianischen Bischofskollegen unterwegs. Sein Bistum liegt in Amazonien, wo der Regenwald vernichtet wird. Bei uns im Himmel wurde viel über seine Bemerkung nachgedacht: „Wissen Sie, wir blicken heute zurück auf auf die Geschichte und denken: Unfassbar, was frühere Generationen alles verbrochen haben! Ich möchte wissen, was künftige Generationen einmal über uns sagen werden…“ Der Bischof fährt fort „… wenn wir der Vernichtung des Regenwaldes nicht Einhalt gebieten.“

Im Himmel aber sagen wir: All das, was die moderne Welt, die sich ‚aufgeklärt‘ nennt, bereits angerichtet hat und weiter anrichtet an Kriegen und Vernichtung bis hin zur Zerstörung der Lebensgrundlagen, das reicht schon jetzt über all das hinaus, was früherer Generationen an Mord, Totschlag und Folter veranstaltet haben. Da gibt es keinen Grund von dem eingebildeten Licht der Aufklärung auf den Obskurantismus und die Unmenschlichkeit früherer Generationen herunter zu blicken. In diesem Falle wäre es mal richtig zu sagen: Seht auf Euch selbst. Geht in Euch! Und dann macht die Augen auf und seht Euch die kapitalistische Normalität an, die Euch selbst und die anderen und den ganzen Globus zu zerstören droht. Es ist nicht nur so wie mein Kollege aus Rom (fast ganz) richtig sagt: Eure Wirtschaft tötet. Es wäre zu ergänzen: Jene Freiheit, die Rechte, Liberale und auch manch Linke gegen Einschränkungen der Normalität einklagen, schafft dazu die Rechtsgrundlage. Nicht nur Eure Wirtschaft, Eure Gesellschaft tötet!

Weil die kapitalistische Freiheit eine Freiheit zur Zerstörung ist, kann ich trotz allen Schmerzes darüber, dass ich in diesem Jahr nicht zu Euch kommen kann, darin keine Beeinträchtigung meiner Freiheitsrechte sehen. Ich interpretiere das als Schutz derer, die unter Corona besonders zu leiden haben. Die Freiheit steht gegenwärtig vor allem da auf dem Spiel, wo die rechten und liberalen Freiheitsapostel keine Probleme sehen: an den europäischen Außengrenzen. Habt Ihr mitbekommen, dass die EU einen neuen Sicherheitspakt gegen Flüchtende schnürt und darin die Möglichkeit vorgesehen ist, Flüchtende zu inhaftieren? Dagegen habe ich kaum Proteste gehört! Und dabei gibt es doch sogar – zumindest sagt das unsere Kirche – ein (Freiheits-)Recht auf Migration!

Nun ja, ich bin wieder mal zu negativ. Aber das – so möchte ich zu meiner Verteidigung doch vorbringen dürfen – liegt nicht an mir, sondern am Zustand der Welt. Und dennoch oder gerade deshalb wollte ich Euch noch etwas Ermutigendes mit auf den Weg geben. Im Himmel hören wir durchaus die Schreie, die von der Erde zu uns dringen, gerade im Advent: O Heiland, reiß die Himmel auf! In diesem Jahr hat uns der Heilige Thomas, der von Aquin, auf den Prolog aus dem Johannesevangelium aufmerksam gemacht. – Ihr wisst ja der Heilige Thomas ist jener, der immer wieder darauf hingewiesen hat: Wenn Ihr die Welt nicht erkennt, könnt Ihr Gott nicht erkennen. Deshalb ist er ja mit Bobby aus Nürnberg und dem Karl aus Trier ständig in der Himmelsbibliothek zu finden. – Ich komme wieder ins Plaudern…

Zurück zum Prolog. Da lest Ihr: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen…“ (Joh 1,14) Daraus haben so manche Theologen die simple Formel von der ‚Menschwerdung Gottes‘ gemacht. Das ist aber noch weniger als die ‚halbe Wahrheit‘ – sagt jedenfalls unser Thomas im Himmel. Das Wort, von dem da die Rede ist, ist nicht einfach allgemein-menschliches, sondern jüdisches und zudem gefoltertes Fleisch geworden… Seine Herrlichkeit ist am Kreuz zu sehen, an dem die Römer das Fleisch des Messias hingerichtet haben. Ja, und soll das helfen? Das ist natürlich eine ebenso berechtigte wie schwierige Frage.

Thomas hat unseren Blick auf den Aspekt gelenkt: Das Fleisch gewordene Wort „hat unter uns gewohnt“ und gesagt, dass das wörtlich heißen müsse: Es hat unter uns ‚gezeltet‘. Da greift Johannes natürlich die jüdische Vorstellung vom Zelt auf, in dem Gott sein Volk auf den Wegen der Befreiung begleitet. Aber, so merkten Bobby und Marx unisono an, von Wegen der Befreiung sind die auf der Erde doch Lichtjahre entfernt. Unser Thomas kannte sich zwar auf Erden gut mit Aristoteles aus. Im Himmel hat er auch noch die jüdische Tradition studiert. Deshalb könnte er uns darauf hinweisen: Aus dem Gedanken, dass Gott mitgeht, konnte sich unter Juden das Vertrauen entwickeln, dass Gott auch ins Exil mitgeht. Das war vor allem nach der Zerstörung des Tempels – zuerst durch die Babylonier und dann durch die Römer – wichtig. Gott hatte damit ja seine Wohnung verloren. Aber auch – wohnungslos – bleibt Gott bei seinem Volk. Und da, wo er mitgeht in den Geschichten des Leidens und der Katastrophen, da wird – wie das bei manchen Theologen, die schnell über die Wirklichkeit des Leidens hinweg reden, geschieht – das Leid zwar nicht in Sinn und die Katastrophen in der Geschichte schon gar nicht in einen Universalsinn der Geschichte verwandelt. Aber es bleibt die Hoffnung auf Rettung. Sie erwächst aus dem Vertrauen auf das Wort, darauf, dass Gott das ‚letzte Wort‘ hat.

Das ist auch aus dem zu lesen, was Johannes in der Geschichte vom gefolterten Fleisch des jüdischen Messias erzählt. In ihm wohnt Gott. An der Seite der Erniedrigten hat er seinen Platz. Solange er da ‚wohnt‘ und mitgeht, ist das ‚letzte Wort‘ noch nicht gesprochen. Dürfen wir sogar darauf vertrauen, dass er es in seinem schöpferischen Wort der Auferweckung wenigstens gegenüber dem Messias schon gesprochen hat und dessen gefoltertes Fleisch in ein „Leben in Fülle“ verwandelt hat? Dann wäre das eine neue Schöpfung, der Anfang eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Das wäre eine Hoffnung auch für Menschen, die unter der Herrschaft des Kapitalismus – und das noch verschärft durch Corona – zu leiden haben, eine Hoffnung, die zwar keinen Sinn stiftet, aber Kraft gibt, gegen die Normalität der derzeitigen Weltordnung aufzustehen und die geschlossene Welt des Kapitalismus aufzusprengen?

Nun ist mein Sermon wieder einmal lang und länger geworden. Das mag auch meiner klerikalen Redseligkeit geschuldet sein, ist aber auch Ausdruck davon, dass die Verhältnisse auch in mir überfließen…

Euch trotz allem eine gute Adventszeit, die der Ankunft des Wortes den Weg bereitet.

Euer Nikolaus, der zwar in Quarantäne bleiben muss, aber irgendwie doch einen Weg zu Euch sucht

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