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„Du, mein Schutzgeist, Gottes Engel…“

…So beginnt ein Lied, das mir in diesem Jahr am Gedenktag „Heilige Schutzengel“ am 2. Oktober aus Kindertagen in Erinnerung kam. Das Lied wurde im Kindergarten gesungen und findet sich im ‚Gesang und Gebetbuch für das Bistum Trier‘ aus den 1950er Jahren. Vor allem Kinder wurden ihren Schutzengeln anempfohlen. Ist das alles nur Mythologie, die vor einer ‚aufgeklärten Vernunft‘ nicht bestehen kann?

Mir kam die Erinnerung vor dem Hintergrund von Zusammenhängen in den Sinn, mit denen ich mich gerade oder mal wieder beschäftige: das Verglühen der jüdisch-christlichen Tradition, vor allem ihres subversiven und befreienden Gottesgedächtnisses. Theologisch haben wir versucht und versuchen es weiter, dieses Gedächtnis in kritischer Reflexion zu verteidigen. Aber – so will mir mehr und mehr scheinen – die begriffliche Reflexion allein kann auch den Glauben ‚blutleer‘ zurücklassen. Theologie als ‚Rede von Gott‘ hat ihre Wurzeln im Gebet als ‚Rede zu Gott‘. Daran hat Johann Baptist Metz immer wieder erinnert und in seiner „Ermutigung zum Gebet“ hinzugefügt, dass Gebete inzwischen nicht einmal mehr ‚Privatsache‘ seien. ‚Lex orandi, lex credendi‘ (‚Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens‘) haben die ‚Alten’ gesagt. Aber was soll ich beten, wenn der Eindruck entsteht, das Gebet finde keinen Adressaten und verschwinde in der Leere des Alls? Wenn Gott ein reiner Begriff bleibt, der weder einen personalen Bezug noch den zu einer Erfahrung hat, stehen Betende im Leeren.

Vor kurzem ist mir bei meinen Recherchen zu Walter Benjamins Rede vom ‚Kapitalismus als Religion‘ ein Hinweis begegnet, der mich hat aufhorchen lassen: Benjamin spricht im Nachtrag zu seinem Text „Über das Programm der kommenden Philosophie“[1] von „einer konkreten Totalität der Erfahrung“ und sagt: „Diese konkrete Totalität der Erfahrung ist Religion“[2]. Nun hat eine konkrete Erfahrung, die das Ganze umfasst, natürlich nichts mit der Unmittelbarkeit esoterischer oder sonstiger Selbsterfahrungen zu tun. In der Konkretheit der Erfahrung, die Benjamin meint, ist das Ganze vermittelt. Wenn Benjamin ‚konkrete Totalität‘ mit Religion verbindet, dürfte ein Ganzes Gemeint sein, das über eine konkrete gesellschaftliche Totalität hinausgreift und auf den  Gesamtzusammenhang allen Lebens verweist, also auf jene Wirklichkeit, die wir in der Theologie Gott nennen und die sich in der jüdisch-christlichen Tradition mit der Erfahrung des Leidens verbindet – auch das ist wieder nahe an Walter Benjamins Rede von der Erfahrung der Geschichte als Katastrophe.

Wenn dem so ist, dann ist der Gottesbegriff nicht erfahrungs- und blutleer. Genau das müsste in der Rede von und zu Gott transparent werden. Dies geschieht, wenn Religion sich nicht auf die  begründete Verteidigung ihrer Inhalte beschränkt, sondern zurückgebunden ist an einen Erfahrungszusammenhang, in dem Religion als jüdisch-christlicher Glaube anschaulich gelebt wird, in der Pflege biblischer Erinnerung (Lehrhaus), in persönlichem Gebet und in der Feier des Gottesdienstes, in der Praxis des Glaubens als samaritanische Hilfe und prophetische Gesellschaftskritik. Ohne diese Zusammenhänge drohen unsere Begriffe blutleer zu werden. Und das lässt sich weder mit mehr Verständlichkeit noch mit immer neuen Erklärungen kompensieren. Ich verstehe das alles auch – trotz aller Frustrationen – als Ermutigung am konkreten Leben der Kirche teilzunehmen. Die Kirche bleibt der Zusammenhang, in dem das subversive und befreiende Gedächtnis des Glaubens lebendig ist und ohne den es keine Chance hat. Mir ist das Vertrauen auf die aufgeklärte Gesellschaft und ihren ‚gesunden Menschenverstand‘ abhanden gekommen. Das ist wahrlich kein Verlust – erst recht, wenn ich sehe, dass Aufklärung immer mit Mythologie verbunden war und in der Krise erst recht in polytheistische Natur- und Selbstmythologien, die mit Verschwörungsphantasien kompatibel sind, abdriftet. Dagegen könnte eine sich aus dem jüdisch-christlichen Gedächtnis speisende ‚Religion‘ selbstverständlich aufstehen, die sich – weder mit Aufklärung noch mit Gegenaufklärung, sondern – mit kritischer Reflexion und Gesellschaftskritik verbindet.

Jetzt habe ich zwar weit ausgeholt, aber dennoch die Schutzengel nicht aus dem Blick verloren. Bevor sie vom hohen Ross eines aufgeklärten Denkens, das für seine eigenen Mythen blind ist, als Mythos abgetan wird, wäre der Erfahrungs- und Geschichtszusammenhang zu sehen, der sich in der Tradition der ‚Schutzengel‘ artikuliert. Aus den biblischen Traditionen sei z.B. erinnert an:

  • Gott schickt seinen Engel, der Israel auf dem Weg durch die Wüste begleitet. Auf seine Botschaft soll Israel hören; „denn in ihm ist mein Name gegenwärtig“ (Ex 23,21).
  • Wie Gottes Engel Israel die Wege der Befreiung geöffnet hat, so öffnet ein Engel den einsitzenden Aposteln die römischen Gefängnistore (Apg 5,19). Ebenso befreit ein Engel Petrus aus dem Gefängnis (Apg 12,6f). Die Geschichte der Befreiung geschieht neu.
  • Ein Engel öffnet der messianischen Gemeinde den Weg zu nicht-jüdischen Menschen und bahnt damit Israels Gott den Weg zu den Völkern. Er gibt dem Hauptmann Kornelius den Auftrag, nach Petrus zu schicken, damit er ihn taufe (Apg 10,3-5). Auch die Völker haben teil an der Israel versprochenen Befreiung.
  • In der Offenbarung des Johannes bringen Engel die Gebete, die Schreie derer, die unter der Gewalt Roms zu leiden haben, vor Gott (Offb 8,3-5).

Und jetzt war noch nicht von den Erzengeln Raffael, Gabriel und Michael die Rede, von Raffael, der den blinden Tobias auf seinem Weg zur Heilung begleitet (Tob), von Gabriel, dem Boten der Befreiung (Lk 1,26-38), von Michael, der es mit Götzen und Fetischverhältnissen aufnimmt, mit denen, die ‚sein wollen wie Gott‘ (Offb 12,13ff).

‚Jenseits‘ esoterisch vermarktbarer Engelmythologie sind Engel in den biblischen Traditionen Wegbereiter und Wegbegleiter der Befreiung. In ihnen drückt sich das Vertrauen auf all das aus, was Gott mit seinem Namen versprochen hat – für Israel und für die Völker. Auch wenn wir Gott vermissen, ist er uns doch Nahe. Für dieses Vertrauen stehen die Engel. Dabei erinnert uns die Tradition der Schutzengel daran, dass das, was für alle gilt, auch für mich persönlich gilt, der ich doch eingebettet und eingebunden bin in Gottes Befreiungsgeschichte mit Israel und in seinem Messias mit allen Menschengeschwister verbunden bin. Solche Erinnerungen gehen nicht einfach in noch so korrekten theologischen Begriffen auf. Im Gegenteil, die theologischen Begriffe leben von Erinnerungen und Erfahrungen, die sich in der Bibel Ausdruck verschaffen und die an Festen und Gedenktagen erinnert werden – und die auch in unseren Lebenszusammenhängen zu finden sind. Gedenktag – das heißt doch: Denk mal! Das wäre noch einmal ein Grund, sich nicht als einzelner vermeintlich Aufgeklärter gegen oder über die Kirche zu stellen, sondern in kritischer Solidarität mit ihr – verstrickt in alle Widersprüche – nach Wegen der Befreiung zu suchen, die in der aufgeklärten und sich offen nennenden kapitalistischen Gesellschaft nicht nur nicht zu finden, sondern zubetoniert sind.

Zu oder um Schutzengel zu beten, hieße dann um die Nähe Gottes auch auf unseren individuellen Wegen zu bitten, um die Erfahrung seiner Nähe inmitten aller Erfahrungen seiner Ferne und des Vermissens seiner Verheißungen. Genau das macht unangepasst und rebellisch. Da sind immer noch ein paar Fragen zu viel angesichts der glatten aufgeklärt-positivistischen Antworten, die uns auf die Welt, wie sie ist, vereidigen wollen.

Herbert Böttcher

[1]     Walter Benjamin, Über das Programm der kommenden Philosophie, in: ders., Aufsätze, Essays, Vorträge. Gesammelte Schriften, Band II 1, Frankfurt am Main 5/2014, 157-171, Nachtrag 168-171.

[2]     Ebd., 170.