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Impuls bei der Adventsfeier des Steg e.V.

Unter dem Weihnachtsbaum suchen viele Menschen die Harmonie, die im ’normalen‘ Leben fehlt. Der Alltag ist gekennzeichnet durch die sich verschärfenden Spaltungen in Arme und Reiche. Da wird die Suche nach Harmonie zur Abgrenzung gegenüber denen, die nicht dazu gehören und die Harmonie stören. Im Alltag verschärft die soziale Spaltung die Konkurrenz unter den Menschen. Es geht darum, im Fahrstuhl der schon lange nicht mehr selbstverständlich nach oben, sondern nach unten führt, wenigstens den eigenen Platz gegen Konkurrenten zu behaupten. Während das Lied erklingt ‚Macht hoch die Tür. Die Tor macht weit‘, werden die Grenzen gegen Flüchtende dicht gemacht. Sie stören die deutsche Harmonie.

Auch die Weihnachtsgeschichte – wenn sie richtig verstanden wird – stört die Harmonie. Sie erzählt von vielem, was so manche Zeitgenossen nicht hören wollen. Sie erzählt von der Unterdrückung durch das römische Reich, wie sie in den Volkszählungen zum Ausdruck kam. Sie hatten den Zweck Steuerzahler zu registrieren. Gezahlt werden musste auch eine Kopfsteuer. Das betraf vor allem die Armen. Sie mussten sich diese Steuer vom Munde absparen und erbetteln. Erzählt wird von einer Familie, die keinen Platz findet. Der Stall, in dem das Kind zur Welt kommt, ist keine harmonische Idylle, sondern Ausdruck des Elends all derer, die aus der Gesellschaft ausgegrenzt sind.

Mitten hinein in die Geschichte des Elendes erzählt der Evangelist Lukas von einer Gegengeschichte, die in der Geburt des Kindes im Stall neu aufgenommen wird. Es ist die Geschichte der Befreiung aus Unrecht und Gewalt. Diese Geschichte setzt ganz unten ein: bei einem armen Kind und seinen Eltern, bei den Hirten, die zu den ‚Letzten‘ der damaligen Gesellschaft gehörten und im Verdacht stehen, ihre Herden auf fremde Weiden zu führen, und als notorisch unehrlich gelten.

Damit macht die Weihnachtsgeschichte deutlich: Wenn es um Rettung und Befreiung gehen soll, muss unten angesetzt werden, bei den Menschen, die unten sind, und bei dem, was sie am meisten brauchen. Letzteres nennen wir heute ‚Grundbedürfnisse‘. Menschen brauchen zu essen und zu trinken, Kleidung, eine menschenwürdige Wohnung – und darüber hinaus noch vielmehr: Ansehen und Anerkennung als Menschen, Befreiung vom verachtenden Blick anderer und ihrer Bewertung. Menschen, die niedergedrückt und verachtet sind, sollen auf Menschen treffen, die ihnen so begegnen, dass sie ‚ihre Häupter erheben‘, ihren Verächtern und den Verhältnissen, die sie niederdrücken, die Stirn bieten können. Das gilt heute für die kapitalistischen Verhältnisse. In ihnen zählen nicht Menschen und ihre Grundbedürfnisse, sondern die Verwertung ihrer Arbeitskraft. Deshalb funktioniert Hartz IV nach der Logik: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“ verkünden die Engel. Gott bekommt dann seine Ehre, wenn die ‚Letzten‘ zu ihrem Recht kommen und Frieden finden. Solcher Friede kann nicht von Augustus kommen, der für sich beansprucht, Friedensstifter und Retter des römischen Reiches zu sein. Er kann kommen, wenn der Neuanfang, von dem die Weihnachtsgeschichte erzählt, in unserer Gesellschaft und auf dem ganzen Erdkreis Wirklichkeit wird: ein Denken und Handeln von den ‚Letzten‘ und von dem her, was sie brauchen. Das ist der Maßstab für eine menschenwürdige Gesellschaft, in der alle in Frieden leben können.

Herbert Böttcher

Bild: Fra Bartolommeo: Die Heilige Familie mit dem Johannesknaben (um 1490; Alte Pinakothek, München). Quelle: Wikipedia